„Formgewinn ist Lebensverheißung“. Eine Erinnerung an Gert Mattenklott (21.1.1942-3.10.2009)

„Form, das ist die Distanz, die einer zu sich selber hat. In den Formen, nicht nur den poetischen, erscheint das Leben in seiner Möglichkeit. Darin wird es tiefer erfasst als in der jeweiligen Wirklichkeit, die immer einschränkt.
Dem europäischen Dandyismus eher verwandt als den Avantgarden, liegt ihm auch an der Achtung der Formen im Leben mehr als am Schleifen der ästhetischen Bastionen. Was er an den Kunstformen entwickelt, gilt mit gleitenden Übergängen, vom Habitus in Rede und Selbstdarstellung bis hin zum sei’s privaten, sei’s gesellschaftlichen Umgang, für alle Form. Formgewinn ist Lebensverheißung.“
Gert Mattenklott über seinen Lehrer Peter Szondi (1929 – 1971)
 
Ich habe immer Menschen gemocht, die mit Äußerlichkeiten, auch mit ihrem eigenen Auftreten spielen können. Sie gehen, so empfinde ich es jedenfalls, nicht in einer Identität auf, der man in der deutschen Kultur merkwürdigerweise so oft Authentizität zuspricht. 

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„Gott schaute in die Tora und schuf die Welt.“ Zu Elazar Benyoëtz‘ neuem Buch „Scheinhellig“

Rezension von: Elazar Benyoëtz, Scheinhellig. Variationen über ein verlorenes Thema. Braumüller Litertuarverlag, EUR 24,90

 

„La forza d'un bel viso a che mi sprona?“

Michelangelo Buonarroti: Rime 279

 

„Das Bedürfnis nach Konsistenz, nach Stimmigkeit, ist insgeheim nach einer heilen Welt. Ohne es kann Vernunft nicht rückhaltlos aufklären: über die Welt wie über sich selbst.“

Christoph Türcke: Kassensturz. Zur Lage der Theologie


In Zvi Kolitz‘ (1912-2002) Erzählung Jossel Rackower spricht zu Gott (1946) formuliert der imaginäre Titelheld sein folgenreiches Bekenntnis: „Die Thora noch mehr lieben als Gott“. Es geht bei Kolitz um die Frage der Möglichkeit eines Glaubens nach Auschwitz. Die Antwort ist dann doch älter: Bereits Heinrich Heine erkennt in der Schrift das „portative Vaterland“ der Juden. Hier reiht sich auch Elazar Benyoëtz ein, wenn er aus dem Midrasch Genesis Rabba zitiert: „Gott schaute in die Tora und schuf die Welt.“ (S. 37) - Oder, wenn er konkludiert: „Ohne Tora gäbe es kein Judentum, ohne Psalmen könnten die Juden die Tora aber nicht so weit durch die Zeiten tragen.“ (S. 76) Für ihn ist dieser Horizont erweitert um seinen jüdische-deutschen Talmud, die jüdische Literatur deutscher Sprache.

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Der Geist der Utopie glüht noch. Elazar Benyoëtz in seinem Briefwechsel

 
 
Man kennt ihn als Nachfahren der großen Aphoristiker von Kohelet über Lichtenberg zu Karl Kraus immer besser. Der Briefschreiber Elazar Benyoëtz allerdings ist noch zu entdecken. Möglichkeit dazu bietet jetzt das im Brockmeyer-Verlag erscheinende Buch Vielzeitig. Briefe 1958-2007. Die Adressaten und Absender der hier ausgewählten 200 Briefe aus 49 Jahren sind zwischen 1872 (Margarethe Susman) und 1975 (René Dausner) geboren. Besonders dicht ist hier die Vor- und Frühgeschichte von Elazar Benyoëtz‘ Aufbauarbeit am Archiv Bibliographia Judaica in Westberlin (1964-1968) dokumentiert: Auf die zehn Jahre 1958 bis 1968 entfallen 79 Briefe.
 

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Ähnlichkeit und Verwandlung. Zu Swetlana Gerners neuer Serie MISSION INTEGRATION


 

Konzeptkünstlerin Swetlana Gerner hat eine neue Serie beendet: MISSION INTEGRATION heißt sie. Gezeigt wird sie erstmals auf einer Vernissage in der Galerie am Güterbahnhof in Mainz, Mombacher Straße 2 am 12. November um 19 Uhr. Die offizielle Ankündigung findet sich hier online.

Sie zeigt uns atemberaubende Farb-Welten und Gestalten, die im Begriff sind, sich aufzulösen und sich zu zufälligen, rätselhaften Konstellationen wieder zu ordnen. 

 

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Nachlaßakte

Jahr um Jahr,

Monat für Monat,

verzeichneten seine Kontoumsätze

den Posten:

Hofapotheke Wilhelm Alzheimer,

200,- Euro.

 

Denkbild für eine Welt voller Bilder,

aus denen das Leben abfließt,

unaufhaltsam und unwiederbringlich.

 

 

Eine vergessene Zone der Intensität

Gestern schreibt Lorenz Jäger in der FAZ wieder eine seiner furiosen Rezensionen, diesmal zu Ulrich Raulffs Buch Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben. Zu diesem Nachleben gehört Jäger und Raulffs Lehrer Gert Mattenklott in den 1970er Jahren, der bei Jäger hübsch  und treffend als doppelköfiger Janus vorgestellt wird:

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Wortfest. Ein Schneeball für Peter Horst Neumann

Foto: Contino

Das Sprach-Exil um uns herum wird sich ausbreiten, und jeder, der aus innerer Notwendigkeit der sensibelsten Sprachzeichengebung zugetan bleibt, lebt wohl in seinem je eigenen Finnland.

Peter Horst Neumann: "An Staubkörnern aufgespannte Drachen." Über den Dichter Manfred Peter Hein

Peter Horst Neumann ist am vergangenen Montag gestorben. Ich habe heute von seiner Familie die Todesanzeige erhalten.

Wir haben einander in den vergangenen Jahren, die seine letzten sein sollten, durch unsere Veröffentlichungen wieder neu kennengelernt. Durch das beziehungslose Getöse hindurch, das man heute „Informationsgesellschaft“ nennt, ist es ein stiller Kontakt mit wenigen Chiffren - und wortfesten Schneebällen. "Wortfest" war sein Lieblingswort, wenn er über Gedichte improvisierte, und "wortfest" sollten nicht nur die Schriften seiner Schüler, sondern auch die Formen des Umgangs sein.

 

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Gert Mattenklott kommentiert Walter Benjamin

Walter Benjamin (Das Leben der Studenten):

„Nur die eingestandene Sehnsucht nach der schönen Kindheit und würdigen Jugend ist die Bedingung des Schaffens“.

Gert Mattenklott:

„Dass Erfahrung zur Lehre verpflichtet – welche Erfahrung denn aber teilen die heute Lebenden und ist nicht die tiefste Erfahrung die einer nicht mehr mitteilbaren Einsamkeit. (…) Kindheit in dem hier gemeinten Sinn bedeutet in erster Linie die Vergewisserung einer verlorenen Energie von Vorstellungskraft und Sprachvermögen ohne die Engführungen ihrer bürgerlichen Einpassung.“

(Walter Benjamin und Theodor W. Adorno über George. - In: Wissenschaftler im George-Kreis, hrsg. v. Bernhard Böschenstein u.a., de Gruyter 2005, S. 277-290, hier S. 282, S. 285f.)

Todesanzeige

קדיש

Ich habe den Tod meines Vaters anzuzeigen: Er ist am vergangenen Freitag gegen 11 Uhr an den Folgen einer langjährigen Demenz-Erkrankung gestorben.

 

Eberhard Cl. Grubitz,

 

lic. iur. , Redakteur

14.4.1931 – 5.6.2009

 Christoph Grubitz

 

„nicht der Abschied

schmerzt, sondern

die Verschiedenheit, die

jeder jedem

bestätigt“

Elazar Benyoëtz

Korrekturbogen

"Es gibt nichts Spannenderes als Menschen beim Denken zuzuschauen."
Eric Achermann: Die schriftliche Hausarbeit

Eric, den ich seinerzeit, 1989, in der Fribourger Gastvorlesung bei Wolfgang Pross über Herder  kennenlernte, der mir den Punk nahebrachte...
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