Ohne Ruhe
"Die überzeugendsten Analytiker der Ruhelosigkeit waren oft Männer, die aus dem einen oder anderen Grund in ihrer Bewegungsfreiheit gehindert waren: Pascal durch Magenleiden und Migränen, Baudelaire durch Drogen, der heilige Johannes vom Kreuz durch die Gitter seiner Zelle. Es gibt französische Kritiker, die behaupten, daß Proust, der Eremit in seinem mit Kork ausgeschlagenen Zimmer, der größte der literarischen Reisenden war."
Bruce Chatwin: Traumpfade. Hanser 1990, S. 204
Hans Magnus Enzensberger schreibt über Bruce Chatwin (Süddeutsche Zeitung 23.3.1991):
Ohne Stimmung
Unsere Empfindungen, unsere Gefühle bergen für uns nicht länger ein Versprechen: sie überleben neben uns, prunkvoll und nutzlos wie Haustiere. (...) Wir sind die ersten Menschen, die nicht mehr gestimmt sind, die ersten Menschen, die nicht mehr gestimmt sind, die ersten Menschen, die schlechthin unmusikalisch sind: un-gestimmt, das heißt ohne Beruf. (...) Der menschlichen Seele ist die Musik abhanden gekommen - die Musik, die in der Seele die schicksalhafte Unzugänglichkeit des Ursprungs anzeigt.
(Giorgio Agamben: Idee der Musik, in: Idee der Prosa. Bibliothek Suhrkamp 2003, S. 85f.)
Elazar Benyoëtz kommentiert diesen Fund mir gegenüber brieflich fast ungläubig: „Und wenn das am Ende ein Agambenzitat ist, dann weist es Agamben als dem höheren Rang zugehörig aus, allerdings auch Gefahr laufend, als edeldeutscher ‚Subtilitätenkrämer’ zu gelten.“

