Kompensation des Ästhetischen. Friedemann Spicker erzählt das Schicksal des deutschen Aphorismus
Rezension: Friedemann Spicker: Kurze Geschichte des deutschen Aphorismus. Tübingen : Narr-Verlag 2007, 29,80 €
„Die Dichtung ist der Liebe gleichsam als Schwester beigesellt und mit ihr verbunden und verschmolzen worden in einem einzigen Geschöpf, das an der einen und der anderen teilhat. Indessen ist die Dichtung eigentlich eher das Verdämmern der Liebe, wenn alle Wirklichkeit in der Liebesleidenschaft vergeht: das Verdämmern der Liebe im Glück des Erinnerns. Es scheint dann, als umfinge ein Schleier von Traurigkeit die Schönheit; doch ist es kein Schleier, sondern das Antlitz selbst, das uns die Schönheit zeigt.“
Benedetto Croce : La poesia
Die Geschichte des deutschen Aphorismus schien kurz wie die "verdämmernde Liebe", nun ist sie doch etwas länger geworden. Spickers Kurze Geschichte des deutschen Aphorismus ist eine singuläre Dokumentation. Sie beruht auf 30jährigen Vorarbeiten (unter anderem drei insgesamt 1700 Seiten starken Dokumentationen ebenso zur Begriffsgeschichte wie zur Geschichte der deutschsprachigen Gattungen) zurückblicken darf, und in Forschungsdiskussionen von Publikation zu Publikation gereift ist.
[1] Faszination des Aphorismus
Der Autor ist ein ausgewiesener Kenner, dem man sich anvertrauen kann. Spickers Verdienste um die Erschließung der Quellen und der Erforschung des deutschen Aphorismus abseits der bekannten Lichtgestalten von Lichtenberg bis Kraus stehen für das fachkundige Lesepublikum bereits fest. Drei umfangreiche Dokumentationen von insgesamt 1700 Seiten hat er der Fachwelt bereits vorgelegt. war es wichtig, dass Spicker die Ergebnisse seiner 30jährigen Forschungen jetzt in Gestalt einer Kurzen Geschichte des deutschen Aphorismus vorgelegt hat, der ich über Fachkreise hinaus ein breiteres Publikum wünsche.
Dafür stehen die Chancen nicht schlecht. Schließlich gibt es offenbar im Lesepublikum ein erneuertes Gattungsbewusstsein. Ähnlich hat Hans Ulrich Gumbrecht 1979 am vergleichsweise exzentrischen Beispiel der Gattung der Hagiographie gezeigt, wie sich Rezeptionsinteressen ändern können und so aus Gattungsmerkmalen im emphatischen Sinn „Faszinationstypen“ werden können. Nimmt man allein die vielen Monographien zur Poetik des Aphorismus und zu einzelnen Autoren in den vergangenen 25 Jahren, so könnte dies auch für den deutschen Aphorismus zutreffen, der - als Gattung - vorher ein Stiefkind der germanistischen Poetik und Literaturgeschichte war.
[2] Geschichte der Expatriierung einer deutschen Gattung
Der Grund für die Verlängerung der Geschichte der Gattung über die Klassische Moderne hinaus ist zunächst sachlicher Natur. Spicker formuliert hier kulturpolitisch entschiedener als in allem, was ich vorher von ihm in seinen eminenten Bestandsaufnahmen zum deutschen Aphorismus gelesen habe:
„Mit seltener Klarheit ist in der gattungstypischen Verengung zu beobachten, wie und mit welchen Folgen die deutschsprachige Literatur 1933 bzw. 1938 expatriiert wird. (…) In der gattungsgeschichtlichen Verkleinerung ist auch sehr deutlich zu sehen, dass die literarische Kontinuität vom ersten Drittel des Jahrhunderts in seine zweite Hälfte weitgehend über das Exil vonstatten geht (…)“ (S. 186)
Diese Wirkungen der produktiven Überlieferung moderner deutscher Aphoristik sind sehr prägnant zusammengestellt auf S. 187. Unter den Remigranten rivalisieren Hans Margolius mit seinem ästhetisch unproduktiven christlichen Konservativismus (S. 184-196) produktiver und tendenziell para-marxistisch strahlen seit den 1960er Jahren vor allem Adorno, Tucholsky, Brecht und selbst Karl Kraus aus (S. 187).
Für die Zeit nach 1968 spricht er treffend von einer veränderten aphoristischen Produktion im "politischen Grundgefühl der Zeit". Und das hieß para-sozialistischer Realismus. Solche zetlich bestimmten Nachweise von Einflüssen sind entscheidend, wenn es darum geht, über Veränderungen des Kanons innerhalb einer Gattung Epochengrenzen zu ziehen. Eine solche Fragestellung kann im Einzelnen aber einengen: Der ausschließliche Bezug auf Einflüsse innerhalb einer Gattung wird kaum genügen um den Kanon eminenter Autoren zu bestimmen. Zu dieser Frage werde ich mich weiter unten im Zusammenhang mit europäisch-avantgardistischen Traditionen äußern, die meines Erachtens im Zusammenhang mit der Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Politik sowie mit dem von Spicker für den deutschen Aphorismus sehr fein als Kraus-Rivalen entdeckten Kafka, bei Canetti und Benyoëtz eine wichtige Rolle spielen.
[3] In cerca d'autore
Insgesamt ist Spicker in diesem Spannungsfeld von Kunst und Politik mit dem deutschen Aphorismus mit seinem philologisch-historischem Vorgehen sehr gut beraten. Die Aufgabe, der sich Spicker gestellt hat, ähnelt der Situation des Autors, der von seinen imaginierten Darstellern angehalten wird, mit ihnen demokratisch über das Drehbuch zu verhandeln: An Luigi Pirandellos Sei personaggi in cerca d'autore (1921), das als Inbegriff des modernen Dramas gilt. Jedenfalls sobald es über die eminente Tradition von Lichtenberg zu Kraus hinausgeht.
Bei der deutschen Aphoristik nach Karl Kraus sind es viel mehr, die mitsprechen wollen – was für eine Personnage! Kulturchauvinisten, gewendete Rassisten und antifranzösische jüdische Antipoden (Karl Kraus und Hofmannsthal), die Bilderstürmer und die Bilderdienstler, die wenigen Hochbegabten aus England (Elias Canetti) und Israel (Elazar Benyoëtz) mit zahllosen evangelischen, agnostischen und katholischen deutschen Pietisten und den üblichen gläubigen Überzeugungstätern und Gesinnungspendlern. Viele der Autoren sind wie überall im Zeitalter der Ideologen Gesinnungspendler, die sich eben auch aphoristisch artikulierten. Alle stellen sie ihre Ansprüche an Spicker, der mit seinem Urteil nicht hinterm Berg hält, sich aber gelassen basisdemokratisch gibt:
„Der Umfang der einzelnen Autoren zugebilligt wird, zeugt nicht unbedingt von ihrer Bedeutung; die Proportionen sind zum Teil kompensatorisch verschoben, je nach dem wie umfänglich ein Aphoristiker bisher behandelt worden ist.“ (S. 10)
[4] Kompensation des Ästhetischen
In der Tat wird in diesem Sinne viel kompensiert: Der Aphorismus zwischen Lichtenberg und Kraus, den man mit den klassischen Phasen deutschen Aphorismus verbindet, wird auf den 125 Seiten (S. 27-152) abgehandelt, 113 Seiten entfallen auf eine Phase, über die die Forschung vor Spicker eher den Mantel des Schweigens gehüllt hat (S. 153-266), sieht man von Ausnahme-Autoren wie Canetti und Benyoëtz ab, die Spicker wie jeder Kenner schätzt.
Durchweg fällt mir (wie an früheren Publikationen des Verfassers) auf, dass Spicker Aphorismen über den Aphorismen oder formal anders verfasste Reflexionen von Autoren auf den Aphorismus liest, als wären sie Thesen. Spicker versteht sie geradezu als Lese-Anweisungen, die ihm wichtiger sind als eine Sprache und formale Verfaßtheit der jeweiligen Texte. Ihr Wert liegt meines Erachtens darin, dass sie die Spannbreite poetischer Möglichkeiten entfalten, und als solche ästhetisch zu legitimieren sind.
„Auch Theodor W. Adornos ‚Minima Moralia’ sind als Bestandteile der aphoristischen Gattung höchst umstritten. Sie reichen insgesamt zweifellos über deren Rand hinaus, aber eine rigorose Ausgrenzung wird ihnen weniger gerecht, als wenn man der in jedem Sinne höchst bedeutsamen Einschätzung des Autors selbst nachgeht und sie formal vom Aphorismus her betrachtet.“ (S. 188f.)
Ob man Adornos ‚Minima Moralia’ „vom Aphorismus“ oder vom Essay – oder von beidem und anderem – her betrachtet, beruht auf Entscheidungen des Betrachters, nicht auf der Frage, ob der eine „rigoros“ und der andere „gerecht“ ist. Spicker führt gelegentlich akademische Scheindiskussionen, die an den alten Streit um Kanonisierung oder Perspektivismus in der modernen Literaturgeschichte und Poetik erinnern. Schließlich artikuliert sich die ästhetische Moderne generell in selbstbezüglichen Manifesten, in denen diese und jene formalen Möglichkeiten der Wahrnehmung und Erfahrung, der Geltungsansprüche und Wirkung durchgespielt und zugleich reflektiert werden.
Überhaupt haben, anders als für die Tragödie und das Epos bzw. deren dramatische und narrative Spielarten, für die poetologische Reflexion des Aphorismus Formen seit je Künstlerästhetiken besonderes Gewicht gehabt, so wie sonst nur für die (zumal romantische und symbolistische) Lyrik. In den Ästhetiken seit Kant und dem deutschen Idealismus stehen aber Aphorismen und Gedichte entweder im Dienst heteronomer Zwecke oder sie sind theoretisch wenig ergiebige Außenseiter.
Dazu steht die Aufmerksamkeit der Autoren für ihre Form im Gegensatz. Und zu den Autoren hat sich Adorno im Zweifelsfall immer geschlagen: Der Mangel begrifflicher Konsistenz wird in den programmatischen oder performativ poetisch wirksam werdenden Überlegungen von Friedrich Schlegel über Paul Valéry bis zu Benyoëtz und Jabès reichlich aufgewogen. Und diese Reflexion des Genres durch seine Produzenten fällt in der Tat so breit aus wie das Spektrum moderner Poesie.
Der Gattungshistoriker kann allerdings ebenso wenig wie der Poetologe einen Autor auch nur auf seine eigenen performativen Reflexionen festlegen, schon gar nicht auf Konventionen und seinen es solche, die aus der besten eigenen Reflexion oder der besten Kenntnis der Quellen gewonnen sind. Jeder anspruchsvolle Text folgt dem Prinzip "Poesie gegen Poesie", indem er die Einsichten durchstreichen oder infrage stellen kann, die wir aus unserem je individuellen Lesehorizont gewonnen haben.
[5] Rechte und linke Aphoristik
Spannend werden Kompensationen von Lücken der Aphorismusforschung, wenn sich Spicker zwischen Klassischer Moderne und Nationalsozialismus, Exil und Gegenwart auf eine Spurensuche begibt, der man üblicherweise mit einer spezifisch bundesdeutschen politisch korrekten Ausdrucksscham zu begegnen pflegt: ästhetisch, weil einem der Verfall der Aphoristik nach der Klassischen Moderne umso deutlicher wird (und deswegen vielleicht verdrängt wurde), politisch, weil der Aphorismus zumindest nichts Nennenswertes auszurichten hatte gegen Nazionalsozialismus und Sozialismus.
Spicker beruft sich vorsichtig auf die Konvention, die verlangt, „das kulturelle Leben der Weimarer Republik nach dem Rechts-Links-Schema“ (S. 170) zu unterscheiden. Unter dieser Prämisse wägt er viel ab und berücksichtigt viel. Insgesamt erscheint mir die Aussagekraft des deutschen Aphorismus allein aber zu gering zu sein, wenn man ihn so isoliert von der Verflechtung der Avantgarden mit der politischen Geschichte im Zeitalter der Avantgarden und Ideologien betrachtet.
Unter dieser Prämisse stellt er fest, dass es im Unterschied zu anderen Gattungen viele rechte (nationalkonservative bis völkische) und kaum linke Aphoristiker in der Klassischen Moderne und in der Adenauer-Zeit gab. So what? Meines Erachtens beschönigt Spicker hier einen methodischen Nachteil seiner für solche Fragen zu kleinteiligen Rahmen.
Wenn Intellektuelle in ostentative Wut gegen Außenseiter der jeweiligen Kollektive geraten, tun sie das – wie man meinen könnte – allenfalls aus Opportunismus, etwa unter nationalem Anpassungsdruck, von dem insbesondere Autoren betroffen sind, welche nach ihrer Herkunft im Verdacht stehen, vaterlandslose Gesellen zu sein. Bei Spicker fehlt völlig der Horizont der ästhetisch wechselseitig hochproduktiven und dabei beiderseits chauvinistischen deutsch-französische Spannung.
Das fällt z.B. bei den assimilierten Juden (und Antipoden in einem Wiener Lokalderby) Hugo von Hofmannsthal und Karl Kraus ins Gewicht, die im Klima eines rassistisch gewendeten Antisemitismus, sich nach außen antifranzösisch-kulturchauvinistisch und nach innen durch Sprachreinheit von ostjüdischen Progromflüchtlingen abgrenzten. Hört man, unabhängig vom Rechts-Links-Schema der Bundesrepublik, genauer hin, wird man erkennen, welche Fliehkräfte von Sprachverführung bis Sprachverzweiflung hier im dichterischen Wort anwesend sind. Sie gehören zum Besten, was die deutsche Literatur der Klassischen Moderne im internationalen Vergleich an poetischer Welterfahrung zu bieten hat.
[6] Nationalsozialismus und Avantgarde
Spicker weicht der Frage nach dem spezifisch Deutschen im NS-Aphorismus nicht aus (S. 173). Ähnlich wie beim Rechts-Links-Schema, das er über die Klassische Moderne legt, zeigt sich wiederum eine deutsche intellektuelle Selbststverständlichkeit: Der Dichter und Denker liebt, folgt man Spicker, die Innerlichkeit. Diesem (auch von der 68er Germanistik überlieferten) romantischen, wenn nicht biedermeierhaften Klischee folgend, stellt er gegen die böse Welt der Einfachheit halber den Dichter als harmlosen Sonderling mit ein paar verrückten Ideen: „Kampf, Mut, Angriffslust statt Individualismus, Skepsis, Vereinzelung (…)“ - So habe erst der Nationalsozialismus den Dichter und Denker „kämpferisch umgedeutet“. Ansonsten vermutet er eine "deutsche Reserve" dem Aphorismus gegenüber, der durch den Spruch "als etwas im Ursprung Germanisches" ersetzt werde (S. 173).
Nun gibt es auch in Spickers Text sehr luzide Bemerkungen in dieser Richtung. Trefflich kompensierend ist seine Formulierung zur „Rigorosität“ als „schreckliches Diktum einer absoluten Glaubensgewissheit und ebenso absoluten Hingabebereitschaft“ (S. 173) So zu Rudolf G. Binding.
Nun wird man kaum übersehen können, dass sich bei Binding und anderen Aphoristikern bestimmte Phänomene im Schutz der nazioalsozialistischen Volksgemeinschaft zeigen, die die europäischen Avantgarden selbst allenfalls in elitären Zirkeln verwirklichen konnten - und auch, eben wegen ihres elitären Anspruchs nicht verwirklichen wollten: Die geradezu religiös-sexuelle Hörigkeit, die Verlaine besingt, und George bei seinen Jüngern benutzt hat; die militärisch begründete Zerstörung der Syntax im Manifesto des Futuristen Filippo Tommaso Marinetti, der sich als Avantgardisten im Krieg mit aller Welt inszenierte; schließlich Carl Schmitts politische Theologie des Freund-Feind-Denken, das bekanntlich die Nürnberger Rassegesetze legitimierte. (Unter dem Aspekt der Verflechtung von internationalen Avantgarden und Politik sind die beiden Aufsätze von Ulrich Schulz-Buschhaus sehr erhellend, die ich im Anhang angeführt und verlinkt habe.)
Allerdings gibt es auch hier wiederum aufschlussreiche Unterschiede: Juden wie Dan Vittorio Segre (S. 42) wissen, dass die Rassegesetze, die Mussolini 1938 nach Abschaffung der Monarchie in Italien eingeführt hat, bei ihren nicht-jüdischen Landsleute nicht angenommen wurden. Segre stellt in seinem Aufsatz „Jüdische Präsenz in Italien“ (S. 43) aber ohne Vorwurf fest, dass sich auch hier die Desillusion des europäischen Judentums in Form eines weitgehenden Rückzugs aus dem politischen Leben zeigt.
[7] Verführung und Ohnmacht
Nach vielen leidenschaftlichen Debatten über das Verhältnis von Kunst und Macht im 20. Jahrhundert zeigt sich: Die Diktaturen bedurften der Künste in keinem wesentlichen Sinn. Zudem wissen wir heute, dass die Künste und die gebildeten Stände die Macht in Wirklichkeit nicht hatten, die sie den Diktaturen antrugen oder verweigerten. Das entlastet und entspannt die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Verhältnis von Kunst und Diktatur in dieser Zeit.
Zu Spickers dann im Einzelnen sehr aufmerksam differenzierenden Bemerkungen zu den wenigen Autoren des ‚geistigen Widerstands’ habe ich eine kritische Ergänzung zum relationalen Begriff des Widerstands, der ja ohne NS-Ideologie nicht zu denken ist. Spicker schreibt:
„Mit dem Literaturhistoriker und Essayisten Richard Benz betreten wir zum ersten Mal den Bereich eindeutiger geistiger Opposition zum herrschenden System.“ (S. 178)
Wie sah diese Opposition aus? In seinem – später zensierten – Buch „Geist und Reich. Um die Bestimmung des Deutschen“ (Diederichs 1933) begründet Benz die Überlegenheit des Deutschen (des deutschen Geists und der deutschen Sprache) über alle anderen Völker kulturell statt eliminatorisch-rassistisch. Der Verlag Diederichs hatte ein nationalkonservativ-europäisches, dabei kulturell anspruchsvolles und vor allem nicht-rassistisches Programm.
[8] Kulturchauvinismus als geistiger Widerstand?
Die Ideologie von 'Rasse' und 'Blut' sei nichts anderes als eine
„(...) Geschichtsklitterung in dem schlichten Farbgegensatz von Schwarz und Weiß, die jedes Nachdenken, jeder eigenen Leistung überhebt und allerdings den einfachsten Gemütern unschwer beizubringen ist.“ (S. 18)
Das sind sicher mutige und gefährliche Bemerkungen in dieser Zeit. Benz setzt auf die "physische und kulturelle Assimilation und Resorption des geringen Prozentsatzes jüdischer Volksgenossen" (S. 18).
Damit verstößt er gegen die propagandistisch höchst wirksamen und integrativen (national-)sozialistische Volksgemeinschaft. Richard Benz ist dennoch ein kulturchauvinistischer Bildungsbürger. Schreibt er aber aus politischer Distanz heraus oder aus Standesbewusstsein und intellektueller Empfindlichkeit gegen ‚einfache Gemüter’? Immerhin hat sich Benz dem System nicht gerade angebiedert wie Kollegen, die Veranstaltungen der gebildeten Stände in SS-Uniform besuchten oder leiteten.
An solchen Stellen von Spickers Buch scheint mir deutlich zu werden, dass die Betrachtung Gattungen in ihren Funktionen ein Weg in die richtige Richtung ist, allein aber ein zu enger Rahmen sind, um das Verhältnis von politischen Optionen und literarischer Biographie einzelner Autoren im Einzelnen zu untersuchen. Das gilt besonders für den Aphorismus, der traditionell auch als Summe aus einem tüchtigeren Werk rezipiert wird, in einem Fall wie Benz bleibt aus dieser Scht ein kärglicher Rest an geistigem Widerstand. Es gibt dann Bedauernswerteres und auch Verwerflicheres, Besseres kaum, jedenfalls nicht im deutschen Aphorismus unter den Bedingungen des Nationalsozialismus.
Spickers Hinweise auf Benz’ „pessimistischen Konservativismus“ können dennoch für die aphoristischen (und wissenschaftlichen) Schriften von Benz nach der Zensur von Geist und Reich und für die Haltung weiter Teile des westdeutschen Bürgertums in der Adenauerzeit gelten. Als Wissenschaftler hat Benz sich nach der Zensur von 1935 wieder schöngeistigen Themen des Bildungsbürgertums zugewandt und erhielt 1952 das Bundesverdienstkreuz. Und dieser pessimistische Konservativismus war ein triumphierendes Element des kulturpolitischen Klimas in der Adenauer-Restauration, die vielleicht auch deswegen lange erfolgreich war, weil sie dem nationalkonservativen Bildungsbürgertum wieder zu Ansehen verhalf.
[9] Der deutsche Aphorismus im Vergleich mit dem französischenSpickers Bemühungen um eine Kanonisierung des deutschen Aphorismus gehört in den Kontext neuer kulturwissenschaftlicher Diskussionen, die um die Extreme der Regionialisierung oder Globalisierung von einzelnen Sprachkulturen und Nationalliteraturen kreist. Germanistische Spezialforscher haben allerdings gegenüber Romanisten und Komparatisten den Nachteil, dass sie allgemeine Epochenkonzepte allenfalls durch Vergleichs-Angebote anbieten, aber nicht selbst durch den kontrastierenden Vergleich von Literaturen gewinnen können.
Der Wert von spezieller Kennerschaft, wie sie Spicker hat, misst sich in solchen Fällen daran, ob sie neue Distinktionswerte schaffen oder ermöglichen kann. Entscheidend finde ich deswegen, dass er in der Aphorismusforschung ein Ziel erreicht hat, an das er als Liebhaber seiner deutschen Gattung vielleicht gar nicht denkt: Er ermöglicht zuverlässige Vergleiche zwischen der Evolution des Aphorismus in verschiedenen Ländern und in der Evolution verschiedener Gattungen. Und hier kann dann eine Überprüfung der ästhetischen Legitimation des dichterischen Worts ansetzen, ohne in hymnischen Stil zu verfallen.
Im Vergleich mit dem beeindruckten Material, das Werner Helmich in seiner Monographie „Der moderne französische Aphorismus“ präsentiert, wird man feststellen müssen, dass sich in Deutschland in der Breite seit der Klassischen Moderne wenig Innovatives tut, im Unterschied zur eminenten Aphoristik zwischen Lichtenberg und Kraus. Die beiden einzigen international angesehenen deutschsprachigen Autoren Canetti und Benyoëtz halten sich nicht mehr in den Grenzen der Gattungen auf. Für diese klare Botschaft darf man den Boten Spicker natürlich nicht schelten.
Die „gattungstypische Verengung“, von der Spicker (S. 186) spricht, ist ein wetvoller Beitrag zu solchen Vergleichen der Evolution von Literatur und Gattungen. Sehr produktiv hat schon in seiner Dokumentation von 2004 ("Der deutsche Aphorismus im 20. Jahrhundert") Parallelen zwischen Franz Kafkas paralogischen Imaginationen und sehr viel stärkeren, sehr ähnlichen Tendenzen entdeckt, die Helmich in seiner Monographie „Der moderne französische Aphorismus“ von Jules Renard zu René Char (S. 132-160) aufzeigt. In der Tat: Aus einem Blick über die Grenzen der Einzelphilologie lassen sich produktiv Wert-Maßstäbe gewinnen.
[10] Was ist ein Bildaphorismus?Spicker mit der Entdeckung des "Bildaphorismus" schon mehr getan hat, als der Pflicht des Chronisten zu genügen, der die Quellenlage auf einen sicheren Boden gestellt und die Forschung zu vielen einzelenen Aphoristikers erschlossen, dokumentiert und zugrunde gelegt hat.
Was hat es mit dem Phänomen "Bildaphorismus" auf sich? Spicker übernimmt den Ausdruck "Bildaphorismus" von Helmich, bestimmt aber die Neuerung nur negativ: Es handele sich nicht um die bekannten "Metapher" und "Gedankenbild". Was dann - positiv - unter 'philosophischer Erörterung' oder 'autonomer Bildlichkeit' zu verstehen ist, kann man - aus Spickers Text - nicht entnehmen: handelt es doch, folgt man dem Autor, um "eine in der Subjektivität wurzelnde 'Denkverschiebung'", die mit dem "Ende des auflösbaren Paradoxons" (S. 163) einhergehe.
"Im Extremfall einer absoluten Metapher besteht (...) 'Kommunikation' zu einem wesentlichen Teil darin, den Leser nicht etwa zum Verständnis des Sachverhalts zu bringen, sondern auf der Suche nach möglichen Sinnelementen in einen 'poetischen Zustand' zu versetzen, der nicht nur der Lyrik, sondern auch dem Aphorismus gegenüber möglich ist." (S. 146)
[11] Idealtyp Kafka?
[12] Kraus und Kafka: Vergleich und Wirkung im Kontext der Mediengeschichte
Kafka ist, wie Spicker richtig feststellt, auf "Entlarvung" nicht in "sozialen", sondern in "existentiellen" Fragen aus (S. 163). Und das ist Spicker sympathischer. Ich bin in diesem Punkt neutral und der Erkenntnis gegenüber aufgeschlossen. Es ist auch leicht festzustellen, dass das Verfahren des entlarvenden Wortspiels offensichtlich einen höheren Grad von allgemeiner Verständlichkeit erreicht als der Bildaphorismus. Bei Kraus muß man, wie bei der Polemik überhaupt, die Tendenz teilen, bei Kafka ist es naheliegend, Spuren von Tendenzen gegeneinander abwägen.
Aber ließe sich das Argument nicht auch wenden? Mit demselben Recht könnte man ja auch sagen: Mit Kafka hört der Anspruch der deutschen Aphoristik auf, über die Kunst der Vergröberung in den Medien wirksam zu sein. Das wäre unsinnig, weil es nicht der richtige Maßstab für Kafka ist.
Meine schräge Gegendarstellung zeigt aber den Maßstab, den Spicker an Kraus verfehlt: Er tritt im Medium seiner kulturpolitischen Zeitschrift "Die Fackel" als Performer und Alleinherrscher auf, und das rückt ihn natürlich doch wieder in die Nähe der Avantgarden, die den "monarchischen Anspruch" (Paul Valéry) des Kunstwerks betonen. Allein das hätte ihn schon zu einer Ausnahme-Erscheinung in der Geschichte des internationalen Aphorismus gemacht. Für die Literatur ist der Aphorimus dieser Art eine eminente, aber mittlerweile abgestumpfte Waffe.
[13] Symbolismus als Stiefkind der Germanistik
René Wellek erklärt den Symbolismus sinnvollerweise weder als abgeschlossene Epoche der französischen Literatur, noch als ein für alle Mal gültige Poetik, sondern als fortwirkende Bewegung definiert:
„It can, I suggest, be used as a general for the literature in all Western countries following the decline of 19th-century realism and naturalism and preceeding the rise of the new avant garde movements: futurism, expressionism, surrealism, or whatever else.” (Wellek, S. 249)
[14] „Geography of literary terms“
In diesem Zusammenhang schlägt Wellek mit den symbolistisch-avantgardistischen Bewegungen eine „geography of literary terms“ (S. 249) vor. Dem expatriierten Slavisten und Komparatisten aus Yale und Verfechter einer transnationalen Poetik und Ästhetik von Formen wäre der deutsche Sprachraum von 1933 bis 1973, bis zur Publikation von Canettis ersten „Aufzeichnungen“, als No-Go-Area des modernen Aphorismus erschienen. Die von Spicker behauptete „Kontinuität“ (Spicker S. 186) der modernen deutschen Aphoristik lässt sich im Sinne von Innovation und Gattungsreflexion insgesamt noch spärlicher und später feststellen als für die deutsche Lyrik. Das betrifft auch die nationalkonservativ erstarrte Form-Semantik, die, im Sinne von Adornos Kritik an der Kulturpolitik der Adenauer-Restauration „frevelhaft nach Unwiederbringlichem greift“. Spicker zeigt, wie sehr der Aphorismus hier einer Verdrängung diente.
Als 1973 Canettis erste „Aufzeichnungen“ erschienen, war sich die Kritik sehr schnell einig, dass sie seit Karl Kraus der erste deutschsprachige Beitrag zur aphoristischen Weltliteratur sind. Dem ging freilich die Wiederentdeckung der modernen Lyrik und die Wiederentdeckung jüdischer Traditionen deutscher Kultur voraus. Als 1960 Hans Magnus Enzensbergers Anthologie Museum der modernen Poesie erschien, wurde der westdeutschen Kritik schlagartig klar, dass Deutschland seit dem Nationalsozialismus die „Weltsprache der Poesie“, die ihnen der Anthologist in aller Bescheidenheit zeigt, nicht mehr spricht, sondern allenfalls musealisiert. Die beinahe hundert Dichter aus aller Welt mit ihren 351 Gedichten, die darin vorgestellt werden, waren seinerzeit in ihrer Mehrzahl kaum dem Namen nach bekannt.
[15] Wie legitimiert sich „Uneindeutigkeit“?Renée Dausner hat jüngst Spickers Begriff der „produktive[n] Uneindeutigkeit“ mit Blick auf Benyoëtz „sensibel“ genannt (Dausner 2007, S. 57f.). Er findet sich auch in diesem Buch imer wieder (S. 244ff.). Der Versuch einer ästhetischen Legitimation des dichterischen Worts findet weder bei Dausner noch bei Spicker statt. Eine solche beschwörende Sensibilität erscheint mir deswegen fragwürdig, weil sie lebendige Diskussionen zum Stillstand bringt. Damit wird verhindert, dass das dichterische Wort – im Gespräch seiner Interpreten und Analysten – im besten Sinne gemeinschaftsbildend wirken könnte: Erschließt es doch Erfahrungswelten und Freiräume des Denkens, die es ohne es nicht gebe.
„Das Problem der vom Dichter zwar nicht beabsichtigten, doch legitimierten Äquivokationen scheint freilich, wie die Beispiele – Mallarmé, George, Valéry – zeigen, mit der Entwicklung der modernen Lyrik zusammenzuhängen. (…) Die Wissenschaft darf die Erkenntnis des Symbolismus, die aus dem Dichtungsverständnis des zwanzigsten Jahrhunderts nicht mehr wegzudenken sind, nicht gleichsam zu einem historischen Phänomen verharmlosen, das ihre Methoden und Kriterien nicht berühren würde.“ (Szondi, Schriften I, S. 285f.)
In diesem Sinne erhalten Gestalt und Klang von Silben und Wörtern, Satzteilen und Textbausteinen bei Benyoëtz eine semantische Freiheit, die sie auch in der traditionellen deutschen Aphoristik nicht hatten. Ohne es anderen als den Eingeweihten (die es erklären sollen) zu sagen, ist seine Dichtung als symbolistische wie als aphoristische damit auch eine über das dichterische Wort.
[16] Buch der Freunde und VerfolgerWenn man solche Horizonte der Avantgaden ausblendet, mag einem auch Benyoëtz’ Verhältnis zum (deutschen) Aphorismus „uneindeutig“ (S. 245) vorkommen. Jedes Zitat-Montage und lyrisch-aphoristische Dichtung dieses Autors reflektiert die europäische Vorgeschichte wie in einem Buch der Freunde und ihrer Verfolger. Allein damit gehört es zur jüdischen Literatur deutscher Sprache.
Richtig bemerkt Spicker (S. 245):
„Die Überlegungen zur Gattung in der Gattung erstrecken sich auf das gesamte Werk (…). "
Nicht umsonst ist der Aphorismus in seiner Neigung zur Reflexion dem symbolistischen Gedicht ähnlich. Sie sollen den eigenen Anspruch „auf Ausnahme und Erhöhung“ (Benyoëtz) ästhetisch legitimieren und zugleich programmatisch-performativ symbolistische Erfahrung als Möglichkeit variieren, ohne sie an den Begriff zu verraten. Peter Szondi fordert in seinem Traktat über philologische Erkenntnis (1962), hermetische Gedichte der symbolistischen Bewegungen zwar zu entschlüsseln, um sie ästhetisch zu legitimieren, aber „als verschlüsselte“: „weil es nur als solches das Gedicht ist, das es ist.“ Aus diesem Hintergrund der hermetischen Schlüssel-Topik lese auch ich Benyoëtz' Wortpaare wie: „Begriffe – Fehlschlüssel“. Oder: „Aphorismus – der Sprung über die Gleichung“.
[17] Leichtes und Schweres, Bekanntes und Unbekanntes
Spickers Geschichte des deutschen Aphorismus zeigt mir deutlich, wie sehr die deutsche Aphoristik zwischen Kraus und Canetti gespalten ist zwischen einem extremen Steigern dessozial Erwünschten und einer avantgardistischer Feindseligkeit gegenüber sozialen Traditionen und Konventionen einerseits. Die Kunst spielt eine untergeordnete Rolle.
Und insofern ist die Bedeutung Canettis und Benyoëtz' nun, nach Spickers immenser Quellenarbeit und Forschungsdiskussion, im deutschen Maßstab für mich noch deutlicher.
Spicker empfindet allerdings gelegentliche leichtere Wortspielereien bei Benyoëtz geradezu als gattungsgeschichtlichen Rückschritt. (Erläutert hat Spicker seine Position ausführlicher in seiner Dokumentation von 2004 "Der deutsche Aphorismus im 20. Jahrhundert", S. 794.)
Der Titel einer frühen Aphorismensammlung von Benyoëtz zeigt an, dass es um eine Balance zwischen dem Leichten und dem Schweren, dem Konventionellen und dem Innovativen, geht: "Vielleicht - Vielschwer" (1981). Es handelt sich also um ein ästhetisch bewußtes Prinzip. Solche leichten Zwischenspiele sind hier ich nicht im Maßstab einer Gattung, sondern im Rahmen der Bücher zu legitimieren, in denen sie auftauchen.
Für die als Bücher sehr viel anspruchsvolleren Zitat-Montagen von Benyoëtz wird diese Balance zwischen Innovation und Konvention noch wichtiger. Sie folgen meist dem Prinzip der Steigerung vom Leichten zum Schweren, das dann wiederum von leichteren Zwischenspielen begleitet oder unterbrochen wird. Dass Benyoëtz das 'Leichte' - im Sinne der Gattung konventionelle - nicht scheut, hat also nichts mit einem Rückschritt zu tun; es dient vielmehr dem Auf- und Abbau von Spannung.
Diese Leichtigkeit im Antippen von Traditionen findet man in der deutschen Sprachkultur eher selten. Entsprechend trennen Interpreten sehr streng Moderne und Postmoderne, Tradition und Innovation. Ich erlebe Benyoëtz in einem vergleichsweise freien Verhältnis zu solchen Bekenntnissen. Am glücklichsten schiene mir die Einschätzung, die der Romanist Ulrich Schulz-Buschhaus aus ähnlichen Phänomenen, vor allem in den romanischen Literaturen, auf den Begriff des Post-Avantgardismus gebracht hat: Die Haltung der avantgardistischen Moderne war von einer wenig leserfreundliche Vernichtung von Traditionen und Konventionen geprägt. Das Verhältnis der Dichter zu hat sich international ernüchtert und zum Teil entspannt.
Erscheint dergestalt der Blick auf einzelne Werke durch Spickers Brille des deutschen Aphorismus – manchmal – zu isoliert, so ist das Bild, dass er von vielen Autoren in der Gesellschaft gibt, geradezu isolierend: Es ergibt sich das Bild von Einzelgängern.
Zu Hofmannsthal weiß er zu berichten:
„Als Zeitgefühl passt sich diesem Konservativismus ein in doppelter Weise gebrochenes Verhältnis zur Gegenwart: Sie wird in einem zeitlosen Denken, das eben ‚Freunde’ in allen Epochen sucht, überschritten, sie wird grundsätzlich kritisiert.“ (S. 156)
Die Formulierung, Hofmannsthal habe in seinem aphoristischen und zitierenden „Buch der Freunde“ (1922) ‚Freunde’ in allen Zeiten gesucht, ist sehr hübsch beobachtet und fein formuliert. Und auf wen würde es besser passen als auf Spickers Buch der Freunde: auf den deutschen Aphorismus.
Spicker hat nun offensichtlich ein Bild von der Gegenwart Hofmannsthal: „Autorität“ und „Anstand“, die Spicker als Elemente des Konservativismus nennt (S. 156), sind Reaktionsbildungen, die man für die Zeit des 20. Jahrhunderts überall im Zeichen von Nationalismus und Irrationalismus findet. Politisch wird man sie nicht vermissen. Aber liest man Hofmannsthal, um politische Weisung zu erhalten oder zu einem ‚zeitlosen Denken’ zu finden? Dann erfährt man, was man über die Dichter und Denker seiner Zeit in Europa schon wissen kann, ohne ihn zu lesen.
Hofmannsthal war als Autor zum Glück alles andere als dauerhaft autoritär oder auch nur anständig. Wenn es darum ging, den Symbolismus des Mallarmé-Schülers George als Erfahrungsmöglichkeit durchzuspielen, lebte er doch im dichterischen Wort, außerhalb des Reichs der bürgerlichen Zwecke, ausgesprochen promisk und hedonistisch. Das wird man von den Aphoristikern der Adenauer-Restauration oder den ideologiekritischen Aphoristikern nicht mehr sagen können.
Geht man über das "Buch der Freunde" hinaus, zeigt sich Hofmannsthal im Gegenteil als ein besonders gutes Beispiel dafür, wie sich ein Autor der avantgardistischen Vernichtung von Traditionen und dem Schatten eines charismatischen Meisters (Stefan George) entzogen hat. Das ist nicht ‚zeitlos’, sondern ein sehr schmerzhafter, gelegentlich aber auch in Komödien erprobter, Prozess der Emanzipation, den seine besten Interpreten bis heute zu schätzen wissen. Deswegen wirken die ästhetisch-utopischen Aspekte von Hofmannsthals Werk besonders überzeugend, die er aus der überwundenen Erfahrung des avantgardistischen Wahnsinns und der Versöhnung mit der Tradition und der Konvention gewinnt.
[19] Von der Sehnsucht süßer Lippen
Vom „Wahnsinnigen“ (Stefan George) gilt nach Hofmannsthal:
"ER vereinigt in den süßen Lippen,
In der strengen, himmelblauen Stirne
Beider Schönheit -, in der einen Seele
Trägt er beides: ungeheuere Sehnsucht
Sich für ein Geliebtes zu vergeuden –
Wieder königliche Einsamkeit."(Gedichte und Dramen, S. 381)
Die von Spicker bei Benyoëtz betonte „Uneindeutigkeit“, die Mythisierung und Personalisierung der Sprache“ gehört in diesen Kontext der Avantgarden (S. 246), und natürlich gerade auch das, was er im Anschluß an ungenannte „wohlmeindende“ Kritiker mit dem pathologischen Begriff der „Sprachbesessenheit“ nennt.
Dank Spickers Untersuchungen zur Geschichte des deutschen Aphorismus wird man nun auch für den deutschen Aphorismus zunächst festhalten dürfen, was der anspruchsvolle Leser und Genfer Altmeister der Littérature allemande et comparée, Bernhard Böschenstein, mit Blick auf Hofmannsthal und die deutsche Lyrik im internationalen Kontext bemerkt:
„Es ist, als ob hier das gesprochene Wort sich verselbständigt hätte und unabhängig vom Inhalt und von der Form des Gesagten bestünde.
Um 1900 herrscht bei vielen Dichtern die gleiche Diktion, in Frankreich hat sie sich bis heute erhalten.“
Bernhard Böschenstein: Das Ich als klangliches Universum
[20] Die moderne aphoristische Selbstbegegnung
Die Erfahrung der Modernen ist die von Einsamkeit, ja Verlassenheit. Was einer auch anfängt: Es kommt aus keinem Ursprung, sondern aus einer Differenz.
» Je suis réaction à ce que je suis. «
(Valéry: Cahiers II, p. 293)
So schreibt Paul Valéry, wie mit der Stimme seines Monsieur Teste in einem Cahier seines letzten Lebensjahrs 1944/45:
„Ich bin Reaktion auf das, was ich bin.“
Wie man weiß, ist Valéry auch der Schöpfer von Monsieur Teste (1926), den er als Gestalt seiner Phantasie einführt, und als Erzähler charakterisiert, indem er ihn im Brief und Aphorismus zu Wort kommen lässt. Literarisch betrachtet, handelt es sich um einen der ersten Versuche Valérys, das lebenslange Selbstgespräch im Tagebuch, in die Form eines Buchs zu bringen.
Dergestalt wird das Selbst-Gespräch Valérys mit Monsieur Teste zu einem Dokument einer ästhetisch-intellektuell Häutung. In einem solchen Prozess werden Traditionen und Konventionen, schließlich auch die eigenen Selbstsetzungen und Entscheidungen für die Formen, in denen einer seine Wahrnehmung und Erfahrung artikuliert, als Möglichkeiten gelten, die etüdenhaft durchgespielt werden. Wie in aphoristischen und symbolistischen Selbstreflexionen.
Valérys Aphoristik steht stilistisch im Zeichen einer Versöhnung der zwei Seelen in seiner Brust: von französischem Klassizismus und avantgardistischem Wahnsinn, der ihm als Schüler Stéphane Mallarmés nicht fremd war. In diesem Punkt ähnelt der Weg, den Valéry als Autor gegangen ist, der stilistischen Balance, die Hofmannsthal seit 1897 gegenüber dem langen Schatten des deutschen Mallarmé-Schülers Stefan George gefunden hat.
Benyoëtz antwortet dieser Haltung:
„Ich möchte sein, der ich bin, nicht, der ich wurde.“
Solche Aphorismen legen zugleich den Text der biblischen Offenbarung Moses am Sinai bekam, als er nachfragt, in welchem Namen er sein Volk aus dem ägyptischen Exil ins gelobte Land führen soll. Die Antwort – „Ich bin, der ich bin.“ – verweist zurück auf das Selbstvertrauen des Fragenden, der sich die Frage gestellt hat. Die Avangardisten beziehen ihr stets fragwürdiges Sendungsbewusstsein aus einer Haltung, die man als größenwahnsinnige Selbstvergötterung bezeichnen darf, das ihre Jünger bis zum Widerruf bestritten haben.
[21] Von Monsieur Teste zu Kosal Vanìt und Lazarus Trost
In seinen Zitat-Montagen bringt auch Benyoëtz, das Beispiel von Valérys Monsieur Teste individualisierend, seine imaginierten Gesprächspartner mit den generischen Namen Kosal Vanìt und Lazarus Trost ins Gespräch mit dem Leser mit. Die Vanitas, kennt er als Tagebuch-Autor, deswegen kann er sich, wie sein Ahnherr Kohelet, im Trost an Briefpartner wenden, und mit allen Stimmen an den Leser, mal leicht, mal schwer.
Was hier verstanden werden kann, ist, dass die Fertigkeit, dem Schematismus von Aktion und Reaktion auszuweichen, zur selbstverständlich geübten Praxis von Minoritäten aller Art, aber auch zum Lernpensum der bürgerlichen Gesellschaft insgesamt. Während der Diktaturen des 20. Jahrhunderts entwickelte sie sich zur Überlebenskunst.
Die symbolistisch-avantgardistische Möglichkeit menschlicher Erfahrung ist auch den aphoristischen Ahnen von Benyoëtz, zumal Kohelet und den Aphoristikern unter den Talmudisten nicht unbekannt gewesen:
„Wenn ich nicht auf mich antworte, wer wird mir dann antworten? Aber wenn nur ich mir antworte – bin ich dann noch ich?"
(Pirke Aboth / Sprüche der Väter des Babylonischen Talmud 6a)
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Literatur
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Böschenstein, Bernhard: Feierlich, getragen, autoritär. Das Ich als klangliches Universum: Hofmannsthals Stimme, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 24.05.06
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Schulz-Buschhaus, Ulrich: Exaltation des Kriegs und Zerstörung der Syntax bei F. T. Marinetti, in: Intimate Enemies. English and German Literary reactions to the Great War 1914–1918, Hgg. F. K. Stanzel/M. Löschnigg. Heidelberg, Winter, 1993. S. 257–274.
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