Eine vergessene Zone der Intensität

Gestern schreibt Lorenz Jäger in der FAZ wieder eine seiner furiosen Rezensionen, diesmal zu Ulrich Raulffs Buch Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben. Zu diesem Nachleben gehört Jäger und Raulffs Lehrer Gert Mattenklott in den 1970er Jahren, der bei Jäger hübsch  und treffend als doppelköfiger Janus vorgestellt wird:

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Gert Mattenklott kommentiert Walter Benjamin

Walter Benjamin (Das Leben der Studenten):

„Nur die eingestandene Sehnsucht nach der schönen Kindheit und würdigen Jugend ist die Bedingung des Schaffens“.

Gert Mattenklott:

„Dass Erfahrung zur Lehre verpflichtet – welche Erfahrung denn aber teilen die heute Lebenden und ist nicht die tiefste Erfahrung die einer nicht mehr mitteilbaren Einsamkeit. (…) Kindheit in dem hier gemeinten Sinn bedeutet in erster Linie die Vergewisserung einer verlorenen Energie von Vorstellungskraft und Sprachvermögen ohne die Engführungen ihrer bürgerlichen Einpassung.“

(Walter Benjamin und Theodor W. Adorno über George. - In: Wissenschaftler im George-Kreis, hrsg. v. Bernhard Böschenstein u.a., de Gruyter 2005, S. 277-290, hier S. 282, S. 285f.)

Korrekturbogen

"Es gibt nichts Spannenderes als Menschen beim Denken zuzuschauen."
Eric Achermann: Die schriftliche Hausarbeit

Eric, den ich seinerzeit, 1989, in der Fribourger Gastvorlesung bei Wolfgang Pross über Herder  kennenlernte, der mir den Punk nahebrachte...

Guy Deutscher über Sprachen im Wandel und die Angst vor der Normalität

In seinem Arikel Glückliche Sprachen wagt der israelische Sprachhistoriker und Leidener Dozent Guy Deutscher einen Blick von außen auf die international gar nicht so ausnähmliche deutche Debatte um den Sprachwandel:

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Rauhaarig

„Ich will Ihnen bald wieder schreiben, tun Sie’s auch, wenn Sie mögen, damit wir uns als rauhaarige Einsiedler gelegentlich etwas zubrummen. Ich werde es immer entschiedener und lasse mich dabei von allerlei liaisons umranken.“

Max Kommerell an Werner Krauss, Marburg 18.1.1942

Damals schon... Tucholsky 1931 über die Wege der deutschen Sprachkultur

"Jeder kennt ja diese fürchterlichen Diskussionen, die sich nach einem Vortrag zu erheben pflegen; da packen Wirrköpfe die Schätze ihrer Dreiviertelbildung aus, dass es einen graust, und man mag es nicht hören. Dieser Stil hat sich so eingefressen, dass es kaum einen Essayisten, kaum einen Kaufmann, kaum einen höhern Beamten gibt, der in seinen Elaboraten diesen schauderhaften Stil vermeidet. (…)

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Der Ausdruck schafft den Gedanken

„Eine andere Frage: Woher kommt es, daß so viele deutsche Schriftsteller so sehr schlecht schreiben? Vielleicht kommt es daher, weil sie sich keine Mühe geben, und sie geben sich keine Mühe, weil sie, als Deutsche treu und ehrlich sich mehr an die Sache und die Wahrheit haltend, es für eine Art Koketterie ansehen, den Ausdruck schöner zu machen, als der Gedanke ist. Entspringt die Vernachlässigung des Stils aus dieser Quelle, so ist zwar die gute Gesinnung zu loben; doch ist die Sittlichkeit, von der man sich dabei leiten läßt, eine falsche. Wie man sagt: der Gedanke schafft den Ausdruck, kann man auch sagen: der Ausdruck schafft den Gedanken.“

Luwig Börne: Bemerkungen über Stil und Sprache

Gedankenübertragung

„Jede wirkliche Beziehung hat diese Kraft, gewisse Gruppen von Gedanken des Anderen so zu regieren – oder vielleicht existieren diese Gedanken nur durch diese Beziehung, jedenfalls ruft sie sie hervor, sie schafft das geistige Klima, in dem sie existieren können. So besitzt der Eine in dem Anderen Ländereien, Landschaften, Gärten, Abhänge, deren Leben nur die Strahlen dieses einzigen Sternes speisen und tränken, wie auch sie dieses Leben erweckt haben.“

Hugo von Hofmannsthal an Helene von Nostitz, 2. April 1907

Transit-Insel des wilden Denkens: West-Berlin 1968-1989

Die Dezember-Ausgabe der Zeitschrift für Ideengeschichte (Beck-Verlag) trägt unter dem Titel „Die Insel West-Berlin“, 1968-1989 elagant geschriebene und geschickt komponierte Erinnerungen zusammen.
 
Es beginnt mit einem sentimentalisch-verspielten Feuerwerk von Erinnerungs-Fragmenten Gert Mattenklotts, "Komm ins offene, Freund! Transit ins wilde Denken".
 
 
 
Mattenklotts These ist, in der normalen Berliner Unbescheidenheit, dass das „wilde Denken“ des Poststrukturalismus einzig in West-Berlin ausgelebt werden konnte:
"Hätte in West-Berlin jemand die Begriffe Verstetigung und Nachhaltigkeit auch nur denken können? Kein Wunder, daß die Parolen 'wilden Denkens' ihr frühestes Echo in diesem Milieu zwischen Laboratorium und Hexenküche fanden."

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Flaschenpost

"Stille Wirkung auf Ähnlichgesinnte ist fast das Einzige, was mir noch wichtig ist und mich freut - wer weiß, wie lange sie noch möglich ist."

Max Kommerell an seinen Verleger Vittorio Klostermann, September 1933

Max Kommerell
Der Gelehrte

Tag. Das Fenster. Im Quadrat
Mir genug des Weltgesichtes.
Hohe Blumen, schlanke Tiere,
Bild der Wolke, Gang des Lichtes:
Was da in den Rahmen trat,
Wird geheim und innerlich,
Und ich reinige und ziere
Seinen Aufenthalt: mein Ich.
Nacht. Die Lampe. Wo ihr gelber
Lichtkreis schwebt auf dem Papiere,
Reden mich die Lettern an:
Tote, die ihr Schweigen brechen.
Meine Lippen ahmen ihre
Sprache leise nach. So kann,
Ach wie bald gestorben, selber
Mit den Lebenden ich sprechen.

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