Das Bodenpersonal der bürgerlichen Aufklärung

Für einen Lexikon-Artikel habe ich mich gerade wieder mit der Religionskritik in der europäischen Aufklärung beschäftigt: Die deutschen Aufklärer wollen immer zwischen ewigen Werten und dem real existierenden Bodenpersonal unterscheiden und leben die Vernunft am Schreibtisch aus, bis zum Wahnwitz. Wenn sie einen französischen Aphorismus hören, fühlen sie sich berufen, Seriösität anfzumahnen. Außerhalb der deutschen Lesegesellschaften wird aber keine Vernunft erwartet, im Gegenteil.
Die pragmatischen Engländer halten den Schöpfer für einen Uhrmacher und beschäftigen sich mit ihren Dampfmaschinen. Bei einem französischen Aphorismus würden sie sagen: "Ich brauche Argumente".
Für die Franzosen müssen intellektuelle Debatten so unterhaltsam sein wie ein Besuch im Casino, sonst interessiert es sie gar nicht, und sie machen satirische Romane (Voltaire) oder eine Wette (Pascal) draus.

Die Ordnung der Dinge

Vergleiche sind neben Klassifikationen und Vorurteilen die größte Orientierungshilfe. Vor allem in der Globalisierung, aber auch in der Wissenschaft. Gegen Vergleiche ist nichts zu sagen, solange nicht blind gleichgesetzt wird. Wenn man einem Kannibalen glaubt, er wäre ein Vegetarier, wird es voraussichtlich lebensgefährlich.

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Reisewarnungen für die EU

Ein europäischer Sommer geht zu Ende. Viele Themen des Sommerlochs ergaben sich von selbst: So die Pogrome in Ostdeutschland und das organisiertes Waldsterben in Südeuropa. Die Hauptsaison geht in diesem Monat zu Ende und es ist höchste Zeit, Bilanz zu ziehen, und Reisewarnungen für einige Gegenden der Europäischen Union auszusprechen, wie dies für andere Krisengebiete das Ministerium des Äußeren auch tut: für den Gaza-Streifen etwa, für den Jemen oder für den Irak.

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Die Lust am Zusammensetzen von Wörtern

„Manche deutsche Wörter sind so lang, dass man sie nur aus der Ferne ganz sehen kann. Man betrachte die folgenden Beispiele:

‚Freundschaftsbezeigungen’,

‚Dilettantenaufdringlichkeiten’,

‚Stadtverordnetenversammlungen’.

Dies sind keine Wörter, es sind Prozessionen sämtlicher Buchstaben des Alphabets. Und sie kommen nicht etwa selten vor. Wo man auch immer eine deutsche Zeitung aufschlägt, kann man sie majestätisch über die Seite marschieren sehen - und wer die nötige Phantasie besitzt, sieht auch die Fahnen und hört die Musik. Sie geben selbst dem sanftesten Thema etwas schauererregend Martialisches.“

(Mark Twain: Die scheußliche deutsche Sprache 1880).

Mark Twain hat in seiner köstlichen Satire einen Respekt vor religiösen und militärischen Macht-Gesten erkannt, der sich hinter der Neigung der Deutschen zu Komposita verbirgt. Der Linguist Jan Bruners muß heute, nach über 200 Jahren, schon übernatürliche Erklärungen für eine Besonderheit der Wortbildung im Deutschen heranziehen:

„Die Länge komplexer Wörter ist nur durch außergrammatische Faktoren (z.B. die Verarbeitungskapazität unseres Gehirns, die mechanische Leistungsfähigkeit unserer Artikulationsorgane) beschränkt."

 

 

Früher haben die gebildeten Stände des deutschen Sprachbezirks ihren Dichtern göttliche Eingebungen zugesprochen, jetzt ist es also schon die Regel beim Otto-Normal-Sprach-Verbraucher. Dass einige verhaltensgestört, unhöflich oder mit ihrer eigenen Sprache überfordert sind, kommt kaum einem in den Sinn.

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