Nietzsche in der ästhetischen Anthropologie von Friederike Felicitas Günther

Rezension: Friederike Felicitas Günther: Rhythmus beim frühen Nietzsche. Reihe: Monographien und Texte zur Nietzsche-Forschung 55. De Gruyter 2008. Leinen, 58,- €

"Die gesellschaftliche Aufsicht über das Denken herrscht über die gesprochenen Sätze strenger als über die Sprache der Körper. (…). Wo expressis verbis argumentiert wird, appelliert die aufgeklärte Verständigkeit an die Konventionen, während Mimik und Gestik – gewissermaßen populistisch subversiv gegen die diskursive Logik – die verbalsprachliche Rede sabotieren. Ergriffen und furios bewegt von der geschichtlichen Möglichkeit, redet die Avantgarde oft in der Form ekstatisch und leidenschaftlich in der Sprache der Körper, aber illusionslos und resigniert dem literarischen Wortsinn nach.“
 
Gert Mattenklott: Melancholie in der Dramatik des Sturm und Drang (Studien zur allgemeinen und vergleichenden Literaturwissenschaft. Band 1, Metzler 1968, hier erweiterte 2. Aufl., Athenäum 1985)
 
Hier hat ein Thema seine Autorin gefunden: Das Thema ist der Rhythmus als Widerstand gegen den Lauf der Zeit bei Nietzsche; die Autorin Friederike Felicitas Günther. Und ihr Buch mit dem schlichten Titel „Rhythmus beim frühen Nietzsche“ ist elegant in der Ausstattung, in Form und Gehalt. Mit seinen schlanken 200 Seiten wirkt es schon wie ein Sammlerstück.
 
Eine anthropologische Technik
 
Schon der erste Satz enthält die These:

„Im Frühwerk Nietzsches kann das Phänomen Rhythmus als eine anthropologische Technik verstanden werden, ästhetischen Strukturen unter den Bedingungen der Zeitlichkeit Dauer zu verschaffen.“ (S. 2)

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Caballere de la triste y bella figura: Der Humor

„Gelacht wir über dasjenige, mit dem man assoziiert wird, zu dem man gehört und das man am meisten liebt. Die Dienlichkeit dieses Aspekts des jüdischen Humors erschöpft sich sowohl in einer Form der Zurückhaltung von Gefühlen als auch in einem Ausdruck der Zuneigung zu einer bejammernswerten Gemeinschaft.

Noch weitaus stärker verdeutlicht sich das dem jüdischem Humor unterliegende Moment eines Misstrauens gegen das eigene Ich in jenem „skeptischen Blick über die Welt und ihre sogenannten Realitäten“, von dem Alfred Döblin in seiner Streitschrift „Jüdische Erneuerung“ spricht.“

Alphons Silbermann: Was ist jüdischer Geist. Zur Identität der Juden. Zürich (Edition Interfrom) 1984, S. 56
Arbeit am Mythos, Trauer-Arbeit, auch Erinnerungs-Arbeit sind deutsche Begriffe. Sie klingen nach dem bürgerlichen Feierabend von Angestellten. Doch ist es möglich, auch der ausgestellten harten Sinn-Arbeit des deutschen Schrifttums komische Seiten abzugewinnen:
 
„Entweder es ist platt oder verrückt. Dazwischen gibt es nichts. Wenn man mal etwas Normales lesen will, ich meine aus Spaß, ist man da schlecht bedient.“

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Eine ziemlich fleckige Kopie

Zwischen zwei Schichten ging ich neulich ins Weite: nämlich über das erfreulich unfreundliche Ernst-Jünger-Portrait Bruce Chatwins auf Henry de Montherlant. Und Chatwin hätte ein Aphoristiker sein können. Er hat ja Moralistisch-Tacitistisches ohne Ende zu bieten, soweit kann ihn also der deutsche Mann also kaum schrecken, über den Heiner Müller sagte, er habe erst den Krieg, dann die Frauen kennen gelernt. Chatwin kannte die Männer wie die Frauen, wie also Jünger die Männer nicht kannte, aber Montherlant.

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Wie es Memo Anjel im Depot Berlin geht. Ein Gruß von Berlin nach Jerusalem

„Da ich Jude bin und an das glaube, was in der Pesach-Haggada erzählt wird (daß wir nämlich keine Sklaven mehr sein werden nach dem Auszug aus Ägypten), entschied ich mich für negative Philosophie des Maimonides, der formuliert, daß man die Dinge durch das versteht, was sie nicht sind. Wenn etwa ein Gebäude kein Auto ist, ebenso wenig ein Hund oder Computer..., werde ich schließlich wissen, was Gebäude wirklich ist."
Memo Anjel: Dreimal Berlin
Das ist der Anspruch. Und „Depot Berlin“ ist gerade das Codewort für die Bücher, die mir Elazar Benyoëtz zurück zu lassen pflegt. Momentan, denn die Ortsnamen des Depots wechseln, seit rund 15 Jahren. Diesmal war die Ausbeute reichlich.
 

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Wort-Musik als tröstlicher Unsinn. Wolfgang Hildesheimer und die Kunst der Schlaflosigkeit

„Es ist Schlafenszeit. Aber wann wäre es das nicht?“

Wolfgang Hildesheimer: Tynset

Wer keinen Schlaf findet, nehme ein, möglichst altes, norwegisches Kursbuch, um darin zu lesen wie in einer Partitur:

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