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<wml xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"><head><meta http-equiv="Content-Type" content="text/vnd.wap.wml;charset=ISO-8859-1"/></head><card id="main" title="KAYWA"><p><big>christoph grubitz</big><br/>bloc-notes<br/></p><p><small>29.10.2007,&#xA0;19:22</small><br/><b><a href="http://wunderblock.kaywa.ch/mobile/aphorismus/kompensation-des-aesthetischen.html">Kompensation des &#xC4;sthetischen. Friedemann Spicker erz&#xE4;hlt das Schicksal des deutschen Aphorismus</a></b></p><p>Rezension: Friedemann Spicker: Kurze Geschichte des deutschen Aphorismus. T&#xFC;bingen : Narr-Verlag 2007, 29,80 &#x20AC;
&#x201E;Die Dichtung ist der Liebe gleichsam als Schwester beigesellt und mit ihr verbunden und verschmolzen worden in einem einzigen Gesch&#xF6;pf, das an der einen und der anderen teilhat. Indessen ist die Dichtung eigentlich eher das Verd&#xE4;mmern der Liebe, wenn alle Wirklichkeit in der Liebesleidenschaft vergeht: das Verd&#xE4;mmern der Liebe im Gl&#xFC;ck des Erinnerns. Es scheint dann, als umfinge ein Schleier von Traurigkeit die Sch&#xF6;nheit; doch ist es kein Schleier, sondern das Antlitz selbst, das uns die Sch&#xF6;nheit zeigt.&#x201C;
Benedetto Croce : La poesia
Die Geschichte des deutschen Aphorismus schien kurz wie die "verd&#xE4;mmernde Liebe", nun ist sie doch etwas l&#xE4;nger geworden. Spickers Kurze Geschichte des deutschen Aphorismus ist eine singul&#xE4;re Dokumentation. Sie beruht auf 30j&#xE4;hrigen Vorarbeiten (unter anderem drei insgesamt 1700 Seiten starken Dokumentationen ebenso zur Begriffsgeschichte wie zur Geschichte der deutschsprachigen Gattungen) zur&#xFC;ckblicken darf, und in Forschungsdiskussionen von Publikation zu Publikation gereift ist.
[1] Faszination des Aphorismus

</p><p>Der Autor ist ein ausgewiesener Kenner, dem man sich anvertrauen kann. Spickers Verdienste um die Erschlie&#xDF;ung der Quellen und der Erforschung des deutschen Aphorismus abseits der bekannten Lichtgestalten von Lichtenberg bis Kraus stehen f&#xFC;r das fachkundige Lesepublikum bereits fest. Drei umfangreiche Dokumentationen von insgesamt 1700 Seiten hat er der Fachwelt bereits vorgelegt. war es wichtig, dass Spicker die Ergebnisse seiner 30j&#xE4;hrigen Forschungen jetzt in Gestalt einer Kurzen Geschichte des deutschen Aphorismus vorgelegt hat, der ich &#xFC;ber Fachkreise hinaus ein breiteres Publikum w&#xFC;nsche.
Daf&#xFC;r stehen die Chancen nicht schlecht. Schlie&#xDF;lich gibt es offenbar im Lesepublikum ein erneuertes Gattungsbewusstsein. &#xC4;hnlich hat <a href="http://wunderblock.kaywa.ch/mobile/exturl/http/www.stanford.edu/dept/complit/cgi-bin/?q=node/25">Hans Ulrich Gumbrecht</a> 1979 am vergleichsweise exzentrischen Beispiel der Gattung der Hagiographie gezeigt, wie sich Rezeptionsinteressen &#xE4;ndern k&#xF6;nnen und so aus Gattungsmerkmalen im emphatischen Sinn &#x201E;Faszinationstypen&#x201C; werden k&#xF6;nnen. Nimmt man allein die vielen Monographien zur Poetik des Aphorismus und zu einzelnen Autoren in den vergangenen 25 Jahren, so k&#xF6;nnte dies auch f&#xFC;r den deutschen Aphorismus zutreffen, der - als Gattung - vorher ein Stiefkind der germanistischen Poetik und Literaturgeschichte war.
[2] Geschichte der Expatriierung einer deutschen Gattung<br/>
Der Grund f&#xFC;r die Verl&#xE4;ngerung der Geschichte der Gattung &#xFC;ber die Klassische Moderne hinaus ist zun&#xE4;chst sachlicher Natur. Spicker formuliert hier kulturpolitisch entschiedener als in allem, was ich vorher von ihm in seinen eminenten Bestandsaufnahmen zum deutschen Aphorismus gelesen habe:

&#x201E;Mit seltener Klarheit ist in der gattungstypischen Verengung zu beobachten, wie und mit welchen Folgen die deutschsprachige Literatur 1933 bzw. 1938 expatriiert wird. (&#x2026;) In der gattungsgeschichtlichen Verkleinerung ist auch sehr deutlich zu sehen, dass die literarische Kontinuit&#xE4;t vom ersten Drittel des Jahrhunderts in seine zweite H&#xE4;lfte weitgehend &#xFC;ber das Exil vonstatten geht (&#x2026;)&#x201C; (S. 186)

Diese Wirkungen der produktiven &#xDC;berlieferung moderner deutscher Aphoristik sind sehr pr&#xE4;gnant zusammengestellt auf S. 187. Unter den Remigranten rivalisieren Hans Margolius mit seinem &#xE4;sthetisch unproduktiven christlichen Konservativismus (S. 184-196) produktiver und tendenziell para-marxistisch strahlen seit den 1960er Jahren vor allem Adorno, Tucholsky, Brecht und selbst Karl Kraus aus (S. 187).<br/>
F&#xFC;r die Zeit nach 1968 spricht er treffend von einer ver&#xE4;nderten aphoristischen Produktion im "politischen Grundgef&#xFC;hl der Zeit". Und das hie&#xDF; para-sozialistischer Realismus. Solche zetlich bestimmten Nachweise von Einfl&#xFC;ssen sind entscheidend, wenn es darum geht, &#xFC;ber Ver&#xE4;nderungen des Kanons innerhalb einer Gattung Epochengrenzen zu ziehen. Eine solche Fragestellung kann im Einzelnen aber einengen: Der ausschlie&#xDF;liche Bezug auf Einfl&#xFC;sse innerhalb einer Gattung wird kaum gen&#xFC;gen um den Kanon eminenter Autoren zu bestimmen. Zu dieser Frage werde ich mich weiter unten im Zusammenhang mit europ&#xE4;isch-avantgardistischen Traditionen &#xE4;u&#xDF;ern, die meines Erachtens im Zusammenhang mit der Frage nach dem Verh&#xE4;ltnis von Kunst und Politik sowie mit dem von Spicker f&#xFC;r den deutschen Aphorismus sehr fein als Kraus-Rivalen entdeckten Kafka, bei Canetti und Benyo&#xEB;tz eine wichtige Rolle spielen.
[3] In cerca d'autore<br/>
Insgesamt ist Spicker in diesem Spannungsfeld von Kunst und Politik mit dem deutschen Aphorismus mit seinem philologisch-historischem Vorgehen sehr gut beraten. Die Aufgabe, der sich Spicker gestellt hat, &#xE4;hnelt der Situation des Autors, der von seinen imaginierten Darstellern angehalten wird, mit ihnen demokratisch &#xFC;ber das Drehbuch zu verhandeln: An <a href="http://wunderblock.kaywa.ch/mobile/exturl/http/de.wikipedia.org/wiki/Luigi_Pirandello">Luigi Pirandello</a>s Sei personaggi in cerca d'autore (1921), das als Inbegriff des modernen Dramas gilt. Jedenfalls sobald es &#xFC;ber die eminente Tradition von Lichtenberg zu Kraus hinausgeht.
Bei der deutschen Aphoristik nach Karl Kraus sind es viel mehr, die mitsprechen wollen &#x2013; was f&#xFC;r eine Personnage! Kulturchauvinisten, gewendete Rassisten und antifranz&#xF6;sische j&#xFC;dische Antipoden (Karl Kraus und Hofmannsthal), die Bilderst&#xFC;rmer und die Bilderdienstler, die wenigen Hochbegabten aus England (Elias Canetti) und Israel (Elazar Benyo&#xEB;tz) mit zahllosen evangelischen, agnostischen und katholischen deutschen Pietisten und den &#xFC;blichen gl&#xE4;ubigen &#xDC;berzeugungst&#xE4;tern und Gesinnungspendlern. Viele der Autoren sind wie &#xFC;berall im Zeitalter der Ideologen Gesinnungspendler, die sich eben auch aphoristisch artikulierten. Alle stellen sie ihre Anspr&#xFC;che an Spicker, der mit seinem Urteil nicht hinterm Berg h&#xE4;lt, sich aber gelassen basisdemokratisch gibt:

&#x201E;Der Umfang der einzelnen Autoren zugebilligt wird, zeugt nicht unbedingt von ihrer Bedeutung; die Proportionen sind zum Teil kompensatorisch verschoben, je nach dem wie umf&#xE4;nglich ein Aphoristiker bisher behandelt worden ist.&#x201C; (S. 10)

[4] Kompensation des &#xC4;sthetischen<br/>
In der Tat wird in diesem Sinne viel kompensiert: Der Aphorismus zwischen Lichtenberg und Kraus, den man mit den klassischen Phasen deutschen Aphorismus verbindet, wird auf den 125 Seiten (S. 27-152) abgehandelt, 113 Seiten entfallen auf eine Phase, &#xFC;ber die die Forschung vor Spicker eher den Mantel des Schweigens geh&#xFC;llt hat (S. 153-266), sieht man von Ausnahme-Autoren wie Canetti und Benyo&#xEB;tz ab, die Spicker wie jeder Kenner sch&#xE4;tzt.<br/>
Durchweg f&#xE4;llt mir (wie an fr&#xFC;heren Publikationen des Verfassers) auf, dass Spicker Aphorismen &#xFC;ber den Aphorismen oder formal anders verfasste Reflexionen von Autoren auf den Aphorismus liest, als w&#xE4;ren sie Thesen. Spicker versteht sie geradezu als Lese-Anweisungen, die ihm wichtiger sind als eine Sprache und formale Verfa&#xDF;theit der jeweiligen Texte. Ihr Wert liegt meines Erachtens darin, dass sie die Spannbreite poetischer M&#xF6;glichkeiten entfalten, und als solche &#xE4;sthetisch zu legitimieren sind.

&#x201E;Auch Theodor W. Adornos &#x201A;Minima Moralia&#x2019; sind als Bestandteile der aphoristischen Gattung h&#xF6;chst umstritten. Sie reichen insgesamt zweifellos &#xFC;ber deren Rand hinaus, aber eine rigorose Ausgrenzung wird ihnen weniger gerecht, als wenn man der in jedem Sinne h&#xF6;chst bedeutsamen Einsch&#xE4;tzung des Autors selbst nachgeht und sie formal vom Aphorismus her betrachtet.&#x201C; (S. 188f.)

Ob man Adornos &#x201A;Minima Moralia&#x2019; &#x201E;vom Aphorismus&#x201C; oder vom Essay &#x2013; oder von beidem und anderem &#x2013; her betrachtet, beruht auf Entscheidungen des Betrachters, nicht auf der Frage, ob der eine &#x201E;rigoros&#x201C; und der andere &#x201E;gerecht&#x201C; ist. Spicker f&#xFC;hrt gelegentlich akademische Scheindiskussionen, die an den alten Streit um Kanonisierung oder Perspektivismus in der modernen Literaturgeschichte und Poetik erinnern. Schlie&#xDF;lich artikuliert sich die &#xE4;sthetische Moderne generell in selbstbez&#xFC;glichen Manifesten, in denen diese und jene formalen M&#xF6;glichkeiten der Wahrnehmung und Erfahrung, der Geltungsanspr&#xFC;che und Wirkung durchgespielt und zugleich reflektiert werden.
&#xDC;berhaupt haben, anders als f&#xFC;r die Trag&#xF6;die und das Epos bzw. deren dramatische und narrative Spielarten, f&#xFC;r die poetologische Reflexion des Aphorismus Formen seit je K&#xFC;nstler&#xE4;sthetiken besonderes Gewicht gehabt, so wie sonst nur f&#xFC;r die (zumal romantische und symbolistische) Lyrik. In den &#xC4;sthetiken seit Kant und dem deutschen Idealismus stehen aber Aphorismen und Gedichte entweder im Dienst heteronomer Zwecke oder sie sind theoretisch wenig ergiebige Au&#xDF;enseiter.
Dazu steht die Aufmerksamkeit der Autoren f&#xFC;r ihre Form im Gegensatz. Und zu den Autoren hat sich Adorno im Zweifelsfall immer geschlagen: Der Mangel begrifflicher Konsistenz wird in den programmatischen oder performativ poetisch wirksam werdenden &#xDC;berlegungen von Friedrich Schlegel &#xFC;ber Paul Val&#xE9;ry bis zu Benyo&#xEB;tz und Jab&#xE8;s reichlich aufgewogen. Und diese Reflexion des Genres durch seine Produzenten f&#xE4;llt in der Tat so breit aus wie das Spektrum moderner Poesie.
Der Gattungshistoriker kann allerdings ebenso wenig wie der Poetologe einen Autor auch nur auf seine eigenen performativen Reflexionen festlegen, schon gar nicht auf Konventionen und seinen es solche, die aus der besten eigenen Reflexion oder der besten Kenntnis der Quellen gewonnen sind. Jeder anspruchsvolle Text folgt dem Prinzip "Poesie gegen Poesie", indem er die Einsichten durchstreichen oder infrage stellen kann, die wir aus unserem je individuellen Lesehorizont gewonnen haben.
[5] Rechte und linke Aphoristik<br/>
Spannend werden Kompensationen von L&#xFC;cken der Aphorismusforschung, wenn sich Spicker zwischen Klassischer Moderne und Nationalsozialismus, Exil und Gegenwart auf eine Spurensuche begibt, der man &#xFC;blicherweise mit einer spezifisch bundesdeutschen politisch korrekten Ausdrucksscham zu begegnen pflegt: &#xE4;sthetisch, weil einem der Verfall der Aphoristik nach der Klassischen Moderne umso deutlicher wird (und deswegen vielleicht verdr&#xE4;ngt wurde), politisch, weil der Aphorismus zumindest nichts Nennenswertes auszurichten hatte gegen Nazionalsozialismus und Sozialismus.
Spicker beruft sich vorsichtig auf die Konvention, die verlangt, &#x201E;das kulturelle Leben der Weimarer Republik nach dem Rechts-Links-Schema&#x201C; (S. 170) zu unterscheiden. Unter dieser Pr&#xE4;misse w&#xE4;gt er viel ab und ber&#xFC;cksichtigt viel. Insgesamt erscheint mir die Aussagekraft des deutschen Aphorismus allein aber zu gering zu sein, wenn man ihn so isoliert von der Verflechtung der Avantgarden mit der politischen Geschichte im Zeitalter der Avantgarden und Ideologien betrachtet.<br/>
Unter dieser Pr&#xE4;misse stellt er fest, dass es im Unterschied zu anderen Gattungen viele rechte (nationalkonservative bis v&#xF6;lkische) und kaum linke Aphoristiker in der Klassischen Moderne und in der Adenauer-Zeit gab. So what? Meines Erachtens besch&#xF6;nigt Spicker hier einen methodischen Nachteil seiner f&#xFC;r solche Fragen zu kleinteiligen Rahmen.
Wenn Intellektuelle in ostentative Wut gegen Au&#xDF;enseiter der jeweiligen Kollektive geraten, tun sie das &#x2013; wie man meinen k&#xF6;nnte &#x2013; allenfalls aus Opportunismus, etwa unter nationalem Anpassungsdruck, von dem insbesondere Autoren betroffen sind, welche nach ihrer Herkunft im Verdacht stehen, vaterlandslose Gesellen zu sein. Bei Spicker fehlt v&#xF6;llig der Horizont der &#xE4;sthetisch wechselseitig hochproduktiven und dabei beiderseits chauvinistischen deutsch-franz&#xF6;sische Spannung.
Das f&#xE4;llt z.B. bei den assimilierten Juden (und Antipoden in einem Wiener Lokalderby) Hugo von Hofmannsthal und Karl Kraus ins Gewicht, die im Klima eines rassistisch gewendeten Antisemitismus, sich nach au&#xDF;en antifranz&#xF6;sisch-kulturchauvinistisch und nach innen durch Sprachreinheit von ostj&#xFC;dischen Progromfl&#xFC;chtlingen abgrenzten. H&#xF6;rt man, unabh&#xE4;ngig vom Rechts-Links-Schema der Bundesrepublik, genauer hin, wird man erkennen, welche Fliehkr&#xE4;fte von Sprachverf&#xFC;hrung bis Sprachverzweiflung hier im dichterischen Wort anwesend sind. Sie geh&#xF6;ren zum Besten, was die deutsche Literatur der Klassischen Moderne im internationalen Vergleich an poetischer Welterfahrung zu bieten hat.
[6] Nationalsozialismus und Avantgarde
Spicker weicht der Frage nach dem spezifisch Deutschen im NS-Aphorismus nicht aus (S. 173). &#xC4;hnlich wie beim Rechts-Links-Schema, das er &#xFC;ber die Klassische Moderne legt, zeigt sich wiederum eine deutsche intellektuelle Selbststverst&#xE4;ndlichkeit: Der Dichter und Denker liebt, folgt man Spicker, die Innerlichkeit. Diesem (auch von der 68er Germanistik &#xFC;berlieferten) romantischen, wenn nicht biedermeierhaften Klischee folgend, stellt er gegen die b&#xF6;se Welt der Einfachheit halber den Dichter als harmlosen Sonderling mit ein paar verr&#xFC;ckten Ideen: &#x201E;Kampf, Mut, Angriffslust statt Individualismus, Skepsis, Vereinzelung (&#x2026;)&#x201C; - So habe erst der Nationalsozialismus den Dichter und Denker &#x201E;k&#xE4;mpferisch umgedeutet&#x201C;. Ansonsten vermutet er eine "deutsche Reserve" dem Aphorismus gegen&#xFC;ber, der durch den Spruch "als etwas im Ursprung Germanisches" ersetzt werde (S. 173).
Nun gibt es auch in Spickers Text sehr luzide Bemerkungen in dieser Richtung. Trefflich kompensierend ist seine Formulierung zur &#x201E;Rigorosit&#xE4;t&#x201C; als &#x201E;schreckliches Diktum einer absoluten Glaubensgewissheit und ebenso absoluten Hingabebereitschaft&#x201C; (S. 173) So zu <a href="http://wunderblock.kaywa.ch/mobile/exturl/http/de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_G._Binding">Rudolf G. Binding</a>.<br/>
Nun wird man kaum &#xFC;bersehen k&#xF6;nnen, dass sich bei Binding und anderen Aphoristikern bestimmte Ph&#xE4;nomene im Schutz der nazioalsozialistischen Volksgemeinschaft zeigen, die die europ&#xE4;ischen Avantgarden selbst allenfalls in elit&#xE4;ren Zirkeln verwirklichen konnten - und auch, eben wegen ihres elit&#xE4;ren Anspruchs nicht verwirklichen wollten: Die geradezu religi&#xF6;s-sexuelle H&#xF6;rigkeit, die Verlaine besingt, und George bei seinen J&#xFC;ngern benutzt hat; die milit&#xE4;risch begr&#xFC;ndete Zerst&#xF6;rung der Syntax im Manifesto des Futuristen Filippo Tommaso <a href="http://wunderblock.kaywa.ch/mobile/exturl/http/gams.uni-graz.at:8080/fedora/get/o:usb-06B-306/bdef:TEI/get/">Marinetti</a>, der sich als Avantgardisten im Krieg mit aller Welt inszenierte; schlie&#xDF;lich <a href="http://wunderblock.kaywa.ch/mobile/exturl/http/de.wikipedia.org/wiki/Carl_Schmitt">Carl Schmitt</a>s politische Theologie des Freund-Feind-Denken, das bekanntlich die N&#xFC;rnberger Rassegesetze legitimierte. (Unter dem Aspekt der Verflechtung von internationalen Avantgarden und Politik sind die beiden Aufs&#xE4;tze von <a href="http://wunderblock.kaywa.ch/mobile/exturl/http/www.romanistik.de/frames/mitteil00-2-1.htm">Ulrich Schulz-Buschhaus</a> sehr erhellend, die ich im Anhang angef&#xFC;hrt und verlinkt habe.)
Allerdings gibt es auch hier wiederum aufschlussreiche Unterschiede: Juden wie <a href="http://wunderblock.kaywa.ch/mobile/exturl/http/de.wikipedia.org/wiki/Vittorio_Dan_Segre">Dan Vittorio Segre</a> (S. 42) wissen, dass die Rassegesetze, die Mussolini 1938 nach Abschaffung der Monarchie in Italien eingef&#xFC;hrt hat, bei ihren nicht-j&#xFC;dischen Landsleute nicht angenommen wurden. Segre stellt in seinem Aufsatz &#x201E;J&#xFC;dische Pr&#xE4;senz in Italien&#x201C; (S. 43) aber ohne Vorwurf fest, dass sich auch hier die Desillusion des europ&#xE4;ischen Judentums in Form eines weitgehenden R&#xFC;ckzugs aus dem politischen Leben zeigt.
[7] Verf&#xFC;hrung und Ohnmacht
Nach vielen leidenschaftlichen Debatten &#xFC;ber das Verh&#xE4;ltnis von Kunst und Macht im 20. Jahrhundert zeigt sich: Die Diktaturen bedurften der K&#xFC;nste in keinem wesentlichen Sinn. Zudem wissen wir heute, dass die K&#xFC;nste und die gebildeten St&#xE4;nde die Macht in Wirklichkeit nicht hatten, die sie den Diktaturen antrugen oder verweigerten. Das entlastet und entspannt die wissenschaftliche Besch&#xE4;ftigung mit dem Verh&#xE4;ltnis von Kunst und Diktatur in dieser Zeit.
Zu Spickers dann im Einzelnen sehr aufmerksam differenzierenden Bemerkungen zu den wenigen Autoren des &#x201A;geistigen Widerstands&#x2019; habe ich eine kritische Erg&#xE4;nzung zum relationalen Begriff des Widerstands, der ja ohne NS-Ideologie nicht zu denken ist. Spicker schreibt:

&#x201E;Mit dem Literaturhistoriker und Essayisten <a href="http://wunderblock.kaywa.ch/mobile/exturl/http/de.wikipedia.org/wiki/Richard_Benz">Richard Benz</a> betreten wir zum ersten Mal den Bereich eindeutiger geistiger Opposition zum herrschenden System.&#x201C; (S. 178)


Wie sah diese Opposition aus? In seinem &#x2013; sp&#xE4;ter zensierten &#x2013; Buch &#x201E;Geist und Reich. Um die Bestimmung des Deutschen&#x201C; (Diederichs 1933) begr&#xFC;ndet Benz die &#xDC;berlegenheit des Deutschen (des deutschen Geists und der deutschen Sprache) &#xFC;ber alle anderen V&#xF6;lker kulturell statt eliminatorisch-rassistisch. Der Verlag Diederichs hatte ein nationalkonservativ-europ&#xE4;isches, dabei kulturell anspruchsvolles und vor allem nicht-rassistisches Programm.
[8] Kulturchauvinismus als geistiger Widerstand?
Die Ideologie von 'Rasse' und 'Blut' sei nichts anderes als eine


&#x201E;(...) Geschichtsklitterung in dem schlichten Farbgegensatz von Schwarz und Wei&#xDF;, die jedes Nachdenken, jeder eigenen Leistung &#xFC;berhebt und allerdings den einfachsten Gem&#xFC;tern unschwer beizubringen ist.&#x201C; (S. 18)



Das sind sicher mutige und gef&#xE4;hrliche Bemerkungen in dieser Zeit. Benz setzt auf die "physische und kulturelle Assimilation und Resorption des geringen Prozentsatzes j&#xFC;discher Volksgenossen" (S. 18).<a href="http://wunderblock.kaywa.ch/mobile/exturl/http/forum.thiazi.net/showthread.php?t=16962"></a>
Damit verst&#xF6;&#xDF;t er gegen die propagandistisch h&#xF6;chst wirksamen und integrativen (national-)sozialistische Volksgemeinschaft. Richard Benz ist dennoch ein kulturchauvinistischer Bildungsb&#xFC;rger. Schreibt er aber aus politischer Distanz heraus oder aus Standesbewusstsein und intellektueller Empfindlichkeit gegen &#x201A;einfache Gem&#xFC;ter&#x2019;? Immerhin hat sich Benz dem System nicht gerade angebiedert wie Kollegen, die Veranstaltungen der gebildeten St&#xE4;nde in SS-Uniform besuchten oder leiteten.
An solchen Stellen von Spickers Buch scheint mir deutlich zu werden, dass die Betrachtung Gattungen in ihren Funktionen ein Weg in die richtige Richtung ist, allein aber ein zu enger Rahmen sind, um das Verh&#xE4;ltnis von politischen Optionen und literarischer Biographie einzelner Autoren im Einzelnen zu untersuchen. Das gilt besonders f&#xFC;r den Aphorismus, der traditionell auch als Summe aus einem t&#xFC;chtigeren Werk rezipiert wird, in einem Fall wie Benz bleibt aus dieser Scht ein k&#xE4;rglicher Rest an geistigem Widerstand. Es gibt dann Bedauernswerteres und auch Verwerflicheres, Besseres kaum, jedenfalls nicht im deutschen Aphorismus unter den Bedingungen des Nationalsozialismus.<br/>
Spickers Hinweise auf Benz&#x2019; &#x201E;pessimistischen Konservativismus&#x201C; k&#xF6;nnen dennoch f&#xFC;r die aphoristischen (und wissenschaftlichen) Schriften von Benz nach der Zensur von Geist und Reich und f&#xFC;r die Haltung weiter Teile des westdeutschen B&#xFC;rgertums in der Adenauerzeit gelten. Als Wissenschaftler hat Benz sich nach der Zensur von 1935 wieder sch&#xF6;ngeistigen Themen des Bildungsb&#xFC;rgertums zugewandt und erhielt 1952 das Bundesverdienstkreuz. Und dieser pessimistische Konservativismus war ein triumphierendes Element des kulturpolitischen Klimas in der Adenauer-Restauration, die vielleicht auch deswegen lange erfolgreich war, weil sie dem nationalkonservativen Bildungsb&#xFC;rgertum wieder zu Ansehen verhalf.
[9] Der deutsche Aphorismus im Vergleich mit dem franz&#xF6;sischen<br/>
Spickers Bem&#xFC;hungen um eine Kanonisierung des deutschen Aphorismus geh&#xF6;rt in den Kontext neuer kulturwissenschaftlicher Diskussionen, die um die Extreme der Regionialisierung oder Globalisierung von einzelnen Sprachkulturen und Nationalliteraturen kreist. Germanistische Spezialforscher haben allerdings gegen&#xFC;ber Romanisten und Komparatisten den Nachteil, dass sie allgemeine Epochenkonzepte allenfalls durch Vergleichs-Angebote anbieten, aber nicht selbst durch den kontrastierenden Vergleich von Literaturen gewinnen k&#xF6;nnen.
Der Wert von spezieller Kennerschaft, wie sie Spicker hat, misst sich in solchen F&#xE4;llen daran, ob sie neue Distinktionswerte schaffen oder erm&#xF6;glichen kann. Entscheidend finde ich deswegen, dass er in der Aphorismusforschung ein Ziel erreicht hat, an das er als Liebhaber seiner deutschen Gattung vielleicht gar nicht denkt: Er erm&#xF6;glicht zuverl&#xE4;ssige Vergleiche zwischen der Evolution des Aphorismus in verschiedenen L&#xE4;ndern und in der Evolution verschiedener Gattungen. Und hier kann dann eine &#xDC;berpr&#xFC;fung der &#xE4;sthetischen Legitimation des dichterischen Worts ansetzen, ohne in hymnischen Stil zu verfallen.
Im Vergleich mit dem beeindruckten Material, das <a href="http://wunderblock.kaywa.ch/mobile/exturl/http/www-gewi.uni-graz.at/staff/helmich/site.php?show=1">Werner Helmich</a> in seiner Monographie &#x201E;Der moderne franz&#xF6;sische Aphorismus&#x201C; pr&#xE4;sentiert, wird man feststellen m&#xFC;ssen, dass sich in Deutschland in der Breite seit der Klassischen Moderne wenig Innovatives tut, im Unterschied zur eminenten Aphoristik zwischen Lichtenberg und Kraus. Die beiden einzigen international angesehenen deutschsprachigen Autoren Canetti und Benyo&#xEB;tz halten sich nicht mehr in den Grenzen der Gattungen auf. F&#xFC;r diese klare Botschaft darf man den Boten Spicker nat&#xFC;rlich nicht schelten.
Die &#x201E;gattungstypische Verengung&#x201C;, von der Spicker (S. 186) spricht, ist ein wetvoller Beitrag zu solchen Vergleichen der Evolution von Literatur und Gattungen. Sehr produktiv hat schon in seiner Dokumentation von 2004 ("Der deutsche Aphorismus im 20. Jahrhundert") Parallelen zwischen Franz Kafkas paralogischen Imaginationen und sehr viel st&#xE4;rkeren, sehr &#xE4;hnlichen Tendenzen entdeckt, die Helmich in seiner Monographie &#x201E;Der moderne franz&#xF6;sische Aphorismus&#x201C; von Jules Renard zu Ren&#xE9; Char (S. 132-160) aufzeigt. In der Tat: Aus einem Blick &#xFC;ber die Grenzen der Einzelphilologie lassen sich produktiv Wert-Ma&#xDF;st&#xE4;be gewinnen.
[10] Was ist ein Bildaphorismus?
Spicker mit der Entdeckung des "Bildaphorismus" schon mehr getan hat, als der Pflicht des Chronisten zu gen&#xFC;gen, der die Quellenlage auf einen sicheren Boden gestellt und die Forschung zu vielen einzelenen Aphoristikers erschlossen, dokumentiert und zugrunde gelegt hat.<br/>
Was hat es mit dem Ph&#xE4;nomen "Bildaphorismus" auf sich? Spicker &#xFC;bernimmt den Ausdruck "Bildaphorismus" von Helmich, bestimmt aber die Neuerung nur negativ: Es handele sich nicht um die bekannten "Metapher" und "Gedankenbild". Was dann - positiv - unter 'philosophischer Er&#xF6;rterung' oder 'autonomer Bildlichkeit' zu verstehen ist, kann man - aus Spickers Text - nicht entnehmen: handelt es doch, folgt man dem Autor, um "eine in der Subjektivit&#xE4;t wurzelnde 'Denkverschiebung'", die mit dem "Ende des aufl&#xF6;sbaren Paradoxons" (S. 163) einhergehe.
Spicker nennt auf S. 162 Ren&#xE9; Char und Max Jakob. Hier handelt es sich in der Tat um zwei Autoren, bei denen Helmich von einer 'dunklen Metaphorik' spricht, die im Unterschied zu den auch in Frankreich - f&#xFC;r die Gattung des Aphorismus - &#xFC;blichen Konventionen abweicht und dort sehr produktiv ist bis heute.
<br/>
Helmich beobacht in einer breiten Diskussion mit der romanistischen Forschung Anomalien auf allen sprachlichen Ebenen, die &#xFC;blicherweise zum Aufbau von Bedeutung beitragen. Zugleich pr&#xE4;zise und luzide ist sein Hinweis:

"Im Extremfall einer absoluten Metapher besteht (...) 'Kommunikation' zu einem wesentlichen Teil darin, den Leser nicht etwa zum Verst&#xE4;ndnis des Sachverhalts zu bringen, sondern auf der Suche nach m&#xF6;glichen Sinnelementen in einen 'poetischen Zustand' zu versetzen, der nicht nur der Lyrik, sondern auch dem Aphorismus gegen&#xFC;ber m&#xF6;glich ist." (S. 146)


Die Avantgarden in der internationalen Lyrik haben hier schon bestens analysierte Ma&#xDF;st&#xE4;be an "Uneindeutigkeit" gesetzt, die sich auch aufgrund der immensen Quellen-Arbeit Spickers nicht ge&#xE4;ndert haben. Man kann seit Mallarm&#xE9; in der Poesie nicht mehr davon ausgehen, dass sich ein Rede-Zeichen, wie uneindeutig auch immer, &#xFC;berhaupt als Zeichentr&#xE4;ger deuten l&#xE4;&#xDF;t: Ein Wort ist in dieser modernen Tradition lexikalisch oft nicht identifizierbar, ebenso wenig ein Wort (als Zeichentr&#xE4;ger), ein Satz (als Sprechakt) oder ein Textbaustein (als eindeutiges Merkmal von Prosa oder Lyrik etc.).<br/>

Aus diesem Fundus sch&#xF6;pfen Kafka wie Kraus, der sich f&#xFC;r die "Sprache der Gestaltung" und gegen die "Sprache der Information" engagiert. Nur tut er dies nicht nur als Autor, sondern als Medienprofi. Und da sind Vergr&#xF6;berungen notwendig. Spicker sch&#xE4;tzt das nicht, er stellt fest, dass der Kraus-Sch&#xFC;ler Adorno und die Protest-Bewegungen diese Tendenz aufgenommen haben. Man k&#xF6;nnte in diesem Gedanken-Spiel einen sehr erfolgreichen Journalisten, <a href="http://wunderblock.kaywa.ch/mobile/exturl/http/henryk-broder.com/">Henryk M. Broder</a>, erg&#xE4;nzen, der an Kraus und Tucholsky gelernt hat, in den jeweils neuen Medien Diskussionen provokativ zu er&#xF6;ffnen. Dergleichen geh&#xF6;rt gewi&#xDF; nicht zum alten bildungsb&#xFC;rgerlichen Dichter-Kult, sondern eher zum Politainement, zu einer &#xF6;ffentlich gelebten Pop-Kultur nach dem Zeitalter der Ideologien.<br/>
[11] Idealtyp Kafka?<br/>
Spicker baut Kafka allerdings &#x201E;geradezu als gattungsgeschichtliche Gegenposition&#x201C; (S. 155) zu Karl Kraus auf, und auch Canetti (S. 253ff.) und Benyo&#xEB;tz (S. 244ff) als von Kafka beeinflusst ausweist. Kafka selbst hat, so sagt Spicker selbst, aber "keine Aphorismen ver&#xF6;ffentlicht" (S. 160).
Spicker baut auf der Parallele von Char und Jacob zu Kafkas Stil die These auf, dass die Unaufl&#xF6;sbarkeit solcher Bildlichkeit gerade den "Gegensatz zu Kraus' Paradoxie" (S. 163) ausmacht. Liest man das als These zur Wirkung des Wortspiels und des Bildaphorismus in der deutschen Aphoristik nach Kafka und Kraus, so wird man ihm bis dahin weiteres Recht geben k&#xF6;nnen.<br/>
So bemerkt er (S. 147) treffend zu Kraus. Im Vergleich zu Kafka stellt es sich gattungsgeschichtlich so dar: "W&#xE4;hrend Kraus innerhalb der Gattungsgeschichte insoweit einen - gl&#xE4;nzenden - Schlu&#xDF;punkt darstellt, bezeichnet Kafka einen innovativen Ausgangspunkt." (S. 163)<br/>
Die Parallelen in der Schreibweise finde ich sehr &#xFC;berzeugend, weniger Spickers &#xDC;berlegungen zur Poetik Kafkas und zu den Quellen sowie Wirkungen des "Bildaphorismus". Hier entschwindet er vom Erz&#xE4;hlen seiner spannenden Gattungsgeschichte der Antipoden Kraus und Kafka immer wieder ein wenig ins Fiktionale. Der Erkenntnis schadet das in dem Ma&#xDF;e schadet, wie es auf der anderen Seite die Unterhaltung belebt. Allein schon die mit dem Rezensenten.
[12] Kraus und Kafka: Vergleich und Wirkung im Kontext der Mediengeschichte
Kafka ist, wie Spicker richtig feststellt, auf "Entlarvung" nicht in "sozialen", sondern in "existentiellen" Fragen aus (S. 163). Und das ist Spicker sympathischer. Ich bin in diesem Punkt neutral und der Erkenntnis gegen&#xFC;ber aufgeschlossen. Es ist auch leicht festzustellen, dass das Verfahren des entlarvenden Wortspiels offensichtlich einen h&#xF6;heren Grad von allgemeiner Verst&#xE4;ndlichkeit erreicht als der Bildaphorismus. Bei Kraus mu&#xDF; man, wie bei der Polemik &#xFC;berhaupt, die Tendenz teilen, bei Kafka ist es naheliegend, Spuren von Tendenzen gegeneinander abw&#xE4;gen.<br/>
Aber lie&#xDF;e sich das Argument nicht auch wenden? Mit demselben Recht k&#xF6;nnte man ja auch sagen: Mit Kafka h&#xF6;rt der Anspruch der deutschen Aphoristik auf, &#xFC;ber die Kunst der Vergr&#xF6;berung in den Medien wirksam zu sein. Das w&#xE4;re unsinnig, weil es nicht der richtige Ma&#xDF;stab f&#xFC;r Kafka ist.<br/>
Meine schr&#xE4;ge Gegendarstellung zeigt aber den Ma&#xDF;stab, den Spicker an Kraus verfehlt: Er tritt im Medium seiner kulturpolitischen Zeitschrift "Die Fackel" als Performer und Alleinherrscher auf, und das r&#xFC;ckt ihn nat&#xFC;rlich doch wieder in die N&#xE4;he der Avantgarden, die den "monarchischen Anspruch" (Paul Val&#xE9;ry) des Kunstwerks betonen. Allein das h&#xE4;tte ihn schon zu einer Ausnahme-Erscheinung in der Geschichte des internationalen Aphorismus gemacht. F&#xFC;r die Literatur ist der Aphorimus dieser Art eine eminente, aber mittlerweile abgestumpfte Waffe.
[13] Symbolismus als Stiefkind der Germanistik

Der Exkurs in die &#xC4;sthetik und Geschichte der Medien sollte zeigen, dass die moderne Polemik (Kraus) und die &#xE4;sthetisch wertvolle esoterische Literatur (Kafka pro toto), so meine ich, aus derselben Quelle stammen: Aus der &#xE4;sthetischen Opposition der symbolistisch-avantgardistischen Bewegungen gegen die Sprache der Information und Kommunikation, die der Dichtung rein dekorative, abbildende Funktion zuschreibt, und die M&#xF6;glichkeiten menschlicher Wahrnehmung und Erfahrung nivelliert. (Jedenfalls aus der Sicht der Avantgardisten.)

Vor diesem Hintergrund erstaunt mich, dass Spicker den Begriff &#x201E;Symbolismus&#x201C; gar nicht verwendet. In seiner Dokumentation &#x201E;Der deutsche Aphorismus im 20. Jahrhundert&#x201C; taucht er auf: Nicht als Bezeichung f&#xFC;r die symbolistisch-avantgaradistischen Bewegungen der Weltliteratur, sondern als &#x201E;Hilfsbegriff&#x201C;, um die Aphoristik des George-Kreises zu charakterisieren (2004, S. 108). Immerhin war George der deutsche Sch&#xFC;ler und Statthalter <a href="http://wunderblock.kaywa.ch/mobile/exturl/http/de.wikipedia.org/wiki/St%C3%A9phane_Mallarm%C3%A9">STEPHANE MALLARM&#xC9;</a>s.
Ren&#xE9; Wellek erkl&#xE4;rt den Symbolismus sinnvollerweise weder als abgeschlossene Epoche der franz&#xF6;sischen Literatur, noch als ein f&#xFC;r alle Mal g&#xFC;ltige Poetik, sondern als fortwirkende Bewegung definiert:

&#x201E;It can, I suggest, be used as a general for the literature in all Western countries following the decline of 19th-century realism and naturalism and preceeding the rise of the new avant garde movements: futurism, expressionism, surrealism, or whatever else.&#x201D; (Wellek, S. 249)

[14] &#x201E;Geography of literary terms&#x201C;
In diesem Zusammenhang schl&#xE4;gt Wellek mit den symbolistisch-avantgardistischen Bewegungen eine &#x201E;geography of literary terms&#x201C; (S. 249) vor. Dem expatriierten Slavisten und Komparatisten aus Yale und Verfechter einer transnationalen Poetik und &#xC4;sthetik von Formen w&#xE4;re der deutsche Sprachraum von 1933 bis 1973, bis zur Publikation von Canettis ersten &#x201E;Aufzeichnungen&#x201C;, als No-Go-Area des modernen Aphorismus erschienen. Die von Spicker behauptete &#x201E;Kontinuit&#xE4;t&#x201C; (Spicker S. 186) der modernen deutschen Aphoristik l&#xE4;sst sich im Sinne von Innovation und Gattungsreflexion insgesamt noch sp&#xE4;rlicher und sp&#xE4;ter feststellen als f&#xFC;r die deutsche Lyrik. Das betrifft auch die nationalkonservativ erstarrte Form-Semantik, die, im Sinne von Adornos Kritik an der Kulturpolitik der Adenauer-Restauration &#x201E;frevelhaft nach Unwiederbringlichem greift&#x201C;. Spicker zeigt, wie sehr der Aphorismus hier einer Verdr&#xE4;ngung diente.
Als 1973 Canettis erste &#x201E;Aufzeichnungen&#x201C; erschienen, war sich die Kritik sehr schnell einig, dass sie seit Karl Kraus der erste deutschsprachige Beitrag zur aphoristischen Weltliteratur sind. Dem ging freilich die Wiederentdeckung der modernen Lyrik und die Wiederentdeckung j&#xFC;discher Traditionen deutscher Kultur voraus. Als 1960 Hans Magnus Enzensbergers Anthologie Museum der modernen Poesie erschien, wurde der westdeutschen Kritik schlagartig klar, dass Deutschland seit dem Nationalsozialismus die &#x201E;Weltsprache der Poesie&#x201C;, die ihnen der Anthologist in aller Bescheidenheit zeigt, nicht mehr spricht, sondern allenfalls musealisiert. Die beinahe hundert Dichter aus aller Welt mit ihren 351 Gedichten, die darin vorgestellt werden, waren seinerzeit in ihrer Mehrzahl kaum dem Namen nach bekannt.
[15] Wie legitimiert sich &#x201E;Uneindeutigkeit&#x201C;?
Ren&#xE9;e Dausner hat j&#xFC;ngst Spickers Begriff der &#x201E;produktive[n] Uneindeutigkeit&#x201C; mit Blick auf Benyo&#xEB;tz &#x201E;sensibel&#x201C; genannt (Dausner 2007, S. 57f.). Er findet sich auch in diesem Buch imer wieder (S. 244ff.). Der Versuch einer &#xE4;sthetischen Legitimation des dichterischen Worts findet weder bei Dausner noch bei Spicker statt. Eine solche beschw&#xF6;rende Sensibilit&#xE4;t erscheint mir deswegen fragw&#xFC;rdig, weil sie lebendige Diskussionen zum Stillstand bringt. Damit wird verhindert, dass das dichterische Wort &#x2013; im Gespr&#xE4;ch seiner Interpreten und Analysten &#x2013; im besten Sinne gemeinschaftsbildend wirken k&#xF6;nnte: Erschlie&#xDF;t es doch Erfahrungswelten und Freir&#xE4;ume des Denkens, die es ohne es nicht gebe.<br/>
F&#xFC;r die &#x201E;Uneindeutigkeit&#x201C; bei Benyo&#xEB;tz empfiehlt es sich an diesem Punkt der Benyo&#xEB;tz-Forschung auf Szondis Einsicht in die po&#xE9;sie pur Mallarm&#xE9;s und seiner europ&#xE4;ischen Sch&#xFC;ler zur&#xFC;ckzugehen:

&#x201E;Das Problem der vom Dichter zwar nicht beabsichtigten, doch legitimierten &#xC4;quivokationen scheint freilich, wie die Beispiele &#x2013; Mallarm&#xE9;, George, Val&#xE9;ry &#x2013; zeigen, mit der Entwicklung der modernen Lyrik zusammenzuh&#xE4;ngen. (&#x2026;) Die Wissenschaft darf die Erkenntnis des Symbolismus, die aus dem Dichtungsverst&#xE4;ndnis des zwanzigsten Jahrhunderts nicht mehr wegzudenken sind, nicht gleichsam zu einem historischen Ph&#xE4;nomen verharmlosen, das ihre Methoden und Kriterien nicht ber&#xFC;hren w&#xFC;rde.&#x201C; (Szondi, Schriften I, S. 285f.)

In diesem Sinne erhalten Gestalt und Klang von Silben und W&#xF6;rtern, Satzteilen und Textbausteinen bei Benyo&#xEB;tz eine semantische Freiheit, die sie auch in der traditionellen deutschen Aphoristik nicht hatten. Ohne es anderen als den Eingeweihten (die es erkl&#xE4;ren sollen) zu sagen, ist seine Dichtung als symbolistische wie als aphoristische damit auch eine &#xFC;ber das dichterische Wort.
[16] Buch der Freunde und Verfolger
Wenn man solche Horizonte der Avantgaden ausblendet, mag einem auch Benyo&#xEB;tz&#x2019; Verh&#xE4;ltnis zum (deutschen) Aphorismus &#x201E;uneindeutig&#x201C; (S. 245) vorkommen. Jedes Zitat-Montage und lyrisch-aphoristische Dichtung dieses Autors reflektiert die europ&#xE4;ische Vorgeschichte wie in einem Buch der Freunde und ihrer Verfolger. Allein damit geh&#xF6;rt es zur j&#xFC;dischen Literatur deutscher Sprache.<br/>
Richtig bemerkt Spicker (S. 245):

&#x201E;Die &#xDC;berlegungen zur Gattung in der Gattung erstrecken sich auf das gesamte Werk (&#x2026;). "

Nicht umsonst ist der Aphorismus in seiner Neigung zur Reflexion dem symbolistischen Gedicht &#xE4;hnlich. Sie sollen den eigenen Anspruch &#x201E;auf Ausnahme und Erh&#xF6;hung&#x201C; (Benyo&#xEB;tz) &#xE4;sthetisch legitimieren und zugleich programmatisch-performativ symbolistische Erfahrung als M&#xF6;glichkeit variieren, ohne sie an den Begriff zu verraten. Peter Szondi fordert in seinem Traktat &#xFC;ber philologische Erkenntnis (1962), hermetische Gedichte der symbolistischen Bewegungen zwar zu entschl&#xFC;sseln, um sie &#xE4;sthetisch zu legitimieren, aber &#x201E;als verschl&#xFC;sselte&#x201C;: &#x201E;weil es nur als solches das Gedicht ist, das es ist.&#x201C; Aus diesem Hintergrund der hermetischen Schl&#xFC;ssel-Topik lese auch ich Benyo&#xEB;tz' Wortpaare wie: &#x201E;Begriffe &#x2013; Fehlschl&#xFC;ssel&#x201C;. Oder: &#x201E;Aphorismus &#x2013; der Sprung &#xFC;ber die Gleichung&#x201C;.
[17] Leichtes und Schweres, Bekanntes und Unbekanntes
Spickers Geschichte des deutschen Aphorismus zeigt mir deutlich, wie sehr die deutsche Aphoristik zwischen Kraus und Canetti gespalten ist zwischen einem extremen Steigern dessozial Erw&#xFC;nschten und einer avantgardistischer Feindseligkeit gegen&#xFC;ber sozialen Traditionen und Konventionen einerseits. Die Kunst spielt eine untergeordnete Rolle.<br/>
Und insofern ist die Bedeutung Canettis und Benyo&#xEB;tz' nun, nach Spickers immenser Quellenarbeit und Forschungsdiskussion, im deutschen Ma&#xDF;stab f&#xFC;r mich noch deutlicher.
Spicker empfindet allerdings gelegentliche leichtere Wortspielereien bei Benyo&#xEB;tz geradezu als gattungsgeschichtlichen R&#xFC;ckschritt. (Erl&#xE4;utert hat Spicker seine Position ausf&#xFC;hrlicher in seiner Dokumentation von 2004 "Der deutsche Aphorismus im 20. Jahrhundert", S. 794.)
Der Titel einer fr&#xFC;hen Aphorismensammlung von Benyo&#xEB;tz zeigt an, dass es um eine Balance zwischen dem Leichten und dem Schweren, dem Konventionellen und dem Innovativen, geht: "Vielleicht - Vielschwer" (1981). Es handelt sich also um ein &#xE4;sthetisch bewu&#xDF;tes Prinzip. Solche leichten Zwischenspiele sind hier ich nicht im Ma&#xDF;stab einer Gattung, sondern im Rahmen der B&#xFC;cher zu legitimieren, in denen sie auftauchen.
F&#xFC;r die als B&#xFC;cher sehr viel anspruchsvolleren Zitat-Montagen von Benyo&#xEB;tz wird diese Balance zwischen Innovation und Konvention noch wichtiger. Sie folgen meist dem Prinzip der Steigerung vom Leichten zum Schweren, das dann wiederum von leichteren Zwischenspielen begleitet oder unterbrochen wird. Dass Benyo&#xEB;tz das 'Leichte' - im Sinne der Gattung konventionelle - nicht scheut, hat also nichts mit einem R&#xFC;ckschritt zu tun; es dient vielmehr dem Auf- und Abbau von Spannung.
Diese Leichtigkeit im Antippen von Traditionen findet man in der deutschen Sprachkultur eher selten. Entsprechend trennen Interpreten sehr streng Moderne und Postmoderne, Tradition und Innovation. Ich erlebe Benyo&#xEB;tz in einem vergleichsweise freien Verh&#xE4;ltnis zu solchen Bekenntnissen. Am gl&#xFC;cklichsten schiene mir die Einsch&#xE4;tzung, die der Romanist Ulrich Schulz-Buschhaus aus &#xE4;hnlichen Ph&#xE4;nomenen, vor allem in den romanischen Literaturen, auf den Begriff des Post-Avantgardismus gebracht hat: Die Haltung der avantgardistischen Moderne war von einer wenig leserfreundliche Vernichtung von Traditionen und Konventionen gepr&#xE4;gt. Das Verh&#xE4;ltnis der Dichter zu hat sich international ern&#xFC;chtert und zum Teil entspannt.<br/>
[18] Klassiker, Modernisten, Einzelg&#xE4;nger
Erscheint dergestalt der Blick auf einzelne Werke durch Spickers Brille des deutschen Aphorismus &#x2013; manchmal &#x2013; zu isoliert, so ist das Bild, dass er von vielen Autoren in der Gesellschaft gibt, geradezu isolierend: Es ergibt sich das Bild von Einzelg&#xE4;ngern.
Zu Hofmannsthal wei&#xDF; er zu berichten:

&#x201E;Als Zeitgef&#xFC;hl passt sich diesem Konservativismus ein in doppelter Weise gebrochenes Verh&#xE4;ltnis zur Gegenwart: Sie wird in einem zeitlosen Denken, das eben &#x201A;Freunde&#x2019; in allen Epochen sucht, &#xFC;berschritten, sie wird grunds&#xE4;tzlich kritisiert.&#x201C; (S. 156)

Die Formulierung, Hofmannsthal habe in seinem aphoristischen und zitierenden &#x201E;Buch der Freunde&#x201C; (1922) &#x201A;Freunde&#x2019; in allen Zeiten gesucht, ist sehr h&#xFC;bsch beobachtet und fein formuliert. Und auf wen w&#xFC;rde es besser passen als auf Spickers Buch der Freunde: auf den deutschen Aphorismus.
Spicker hat nun offensichtlich ein Bild von der Gegenwart Hofmannsthal: &#x201E;Autorit&#xE4;t&#x201C; und &#x201E;Anstand&#x201C;, die Spicker als Elemente des Konservativismus nennt (S. 156), sind Reaktionsbildungen, die man f&#xFC;r die Zeit des 20. Jahrhunderts &#xFC;berall im Zeichen von Nationalismus und Irrationalismus findet. Politisch wird man sie nicht vermissen. Aber liest man Hofmannsthal, um politische Weisung zu erhalten oder zu einem &#x201A;zeitlosen Denken&#x2019; zu finden? Dann erf&#xE4;hrt man, was man &#xFC;ber die Dichter und Denker seiner Zeit in Europa schon wissen kann, ohne ihn zu lesen.
Hofmannsthal war als Autor zum Gl&#xFC;ck alles andere als dauerhaft autorit&#xE4;r oder auch nur anst&#xE4;ndig. Wenn es darum ging, den Symbolismus des Mallarm&#xE9;-Sch&#xFC;lers George als Erfahrungsm&#xF6;glichkeit durchzuspielen, lebte er doch im dichterischen Wort, au&#xDF;erhalb des Reichs der b&#xFC;rgerlichen Zwecke, ausgesprochen promisk und hedonistisch. Das wird man von den Aphoristikern der Adenauer-Restauration oder den ideologiekritischen Aphoristikern nicht mehr sagen k&#xF6;nnen.
Geht man &#xFC;ber das "Buch der Freunde" hinaus, zeigt sich Hofmannsthal im Gegenteil als ein besonders gutes Beispiel daf&#xFC;r, wie sich ein Autor der avantgardistischen Vernichtung von Traditionen und dem Schatten eines charismatischen Meisters (Stefan George) entzogen hat. Das ist nicht &#x201A;zeitlos&#x2019;, sondern ein sehr schmerzhafter, gelegentlich aber auch in Kom&#xF6;dien erprobter, Prozess der Emanzipation, den seine besten Interpreten bis heute zu sch&#xE4;tzen wissen. Deswegen wirken die &#xE4;sthetisch-utopischen Aspekte von Hofmannsthals Werk besonders &#xFC;berzeugend, die er aus der &#xFC;berwundenen Erfahrung des avantgardistischen Wahnsinns und der Vers&#xF6;hnung mit der Tradition und der Konvention gewinnt.
[19] Von der Sehnsucht s&#xFC;&#xDF;er Lippen
Vom &#x201E;Wahnsinnigen&#x201C; (Stefan George) gilt nach Hofmannsthal:

"ER vereinigt in den s&#xFC;&#xDF;en Lippen,<br/>
In der strengen, himmelblauen Stirne<br/>
Beider Sch&#xF6;nheit -, in der einen Seele<br/>
Tr&#xE4;gt er beides: ungeheuere Sehnsucht<br/>
Sich f&#xFC;r ein Geliebtes zu vergeuden &#x2013;<br/>
Wieder k&#xF6;nigliche Einsamkeit."
(Gedichte und Dramen, S. 381)

Die von Spicker bei Benyo&#xEB;tz betonte &#x201E;Uneindeutigkeit&#x201C;, die Mythisierung und Personalisierung der Sprache&#x201C; geh&#xF6;rt in diesen Kontext der Avantgarden (S. 246), und nat&#xFC;rlich gerade auch das, was er im Anschlu&#xDF; an ungenannte &#x201E;wohlmeindende&#x201C; Kritiker mit dem pathologischen Begriff der &#x201E;Sprachbesessenheit&#x201C; nennt.
Dank Spickers Untersuchungen zur Geschichte des deutschen Aphorismus wird man nun auch f&#xFC;r den deutschen Aphorismus zun&#xE4;chst festhalten d&#xFC;rfen, was der anspruchsvolle Leser und Genfer Altmeister der Litt&#xE9;rature allemande et compar&#xE9;e, Bernhard B&#xF6;schenstein, mit Blick auf Hofmannsthal und die deutsche Lyrik im internationalen Kontext bemerkt:

&#x201E;Es ist, als ob hier das gesprochene Wort sich verselbst&#xE4;ndigt h&#xE4;tte und unabh&#xE4;ngig vom Inhalt und von der Form des Gesagten best&#xFC;nde.
Um 1900 herrscht bei vielen Dichtern die gleiche Diktion, in Frankreich hat sie sich bis heute erhalten.&#x201C;

<a href="http://wunderblock.kaywa.ch/mobile/exturl/http/www.unige.ch/lettres/alman/enseignants/moderne/Boeschenstein_de.html">Bernhard B&#xF6;schenstein</a>: Das Ich als klangliches Universum
[20] Die moderne aphoristische Selbstbegegnung<br/>
Die Erfahrung der Modernen ist die von Einsamkeit, ja Verlassenheit. Was einer auch anf&#xE4;ngt: Es kommt aus keinem Ursprung, sondern aus einer Differenz.

&#xBB; Je suis r&#xE9;action &#xE0; ce que je suis. &#xAB;
(Val&#xE9;ry: Cahiers II, p. 293)<br/>

So schreibt Paul Val&#xE9;ry, wie mit der Stimme seines Monsieur Teste in einem Cahier seines letzten Lebensjahrs 1944/45:

&#x201E;Ich bin Reaktion auf das, was ich bin.&#x201C;

Wie man wei&#xDF;, ist Val&#xE9;ry auch der Sch&#xF6;pfer von Monsieur Teste (1926), den er als Gestalt seiner Phantasie einf&#xFC;hrt, und als Erz&#xE4;hler charakterisiert, indem er ihn im Brief und Aphorismus zu Wort kommen l&#xE4;sst. Literarisch betrachtet, handelt es sich um einen der ersten Versuche Val&#xE9;rys, das lebenslange Selbstgespr&#xE4;ch im Tagebuch, in die Form eines Buchs zu bringen.
Dergestalt wird das Selbst-Gespr&#xE4;ch Val&#xE9;rys mit Monsieur Teste zu einem Dokument einer &#xE4;sthetisch-intellektuell H&#xE4;utung. In einem solchen Prozess werden Traditionen und Konventionen, schlie&#xDF;lich auch die eigenen Selbstsetzungen und Entscheidungen f&#xFC;r die Formen, in denen einer seine Wahrnehmung und Erfahrung artikuliert, als M&#xF6;glichkeiten gelten, die et&#xFC;denhaft durchgespielt werden. Wie in aphoristischen und symbolistischen Selbstreflexionen.<br/>
Val&#xE9;rys Aphoristik steht stilistisch im Zeichen einer Vers&#xF6;hnung der zwei Seelen in seiner Brust: von franz&#xF6;sischem Klassizismus und avantgardistischem Wahnsinn, der ihm als Sch&#xFC;ler St&#xE9;phane Mallarm&#xE9;s nicht fremd war. In diesem Punkt &#xE4;hnelt der Weg, den Val&#xE9;ry als Autor gegangen ist, der stilistischen Balance, die Hofmannsthal seit 1897 gegen&#xFC;ber dem langen Schatten des deutschen Mallarm&#xE9;-Sch&#xFC;lers Stefan George gefunden hat.
Benyo&#xEB;tz antwortet dieser Haltung:

&#x201E;Ich m&#xF6;chte sein, der ich bin, nicht, der ich wurde.&#x201C;

Solche Aphorismen legen zugleich den Text der biblischen Offenbarung Moses am Sinai bekam, als er nachfragt, in welchem Namen er sein Volk aus dem &#xE4;gyptischen Exil ins gelobte Land f&#xFC;hren soll. Die Antwort &#x2013; &#x201E;Ich bin, der ich bin.&#x201C; &#x2013; verweist zur&#xFC;ck auf das Selbstvertrauen des Fragenden, der sich die Frage gestellt hat. Die Avangardisten beziehen ihr stets fragw&#xFC;rdiges Sendungsbewusstsein aus einer Haltung, die man als gr&#xF6;&#xDF;enwahnsinnige Selbstverg&#xF6;tterung bezeichnen darf, das ihre J&#xFC;nger bis zum Widerruf bestritten haben.
[21] Von Monsieur Teste zu Kosal Van&#xEC;t und Lazarus Trost<br/>
In seinen Zitat-Montagen bringt auch Benyo&#xEB;tz, das Beispiel von Val&#xE9;rys Monsieur Teste individualisierend, seine imaginierten Gespr&#xE4;chspartner mit den generischen Namen Kosal Van&#xEC;t und Lazarus Trost ins Gespr&#xE4;ch mit dem Leser mit. Die Vanitas, kennt er als Tagebuch-Autor, deswegen kann er sich, wie sein Ahnherr Kohelet, im Trost an Briefpartner wenden, und mit allen Stimmen an den Leser, mal leicht, mal schwer.<br/>
Was hier verstanden werden kann, ist, dass die Fertigkeit, dem Schematismus von Aktion und Reaktion auszuweichen, zur selbstverst&#xE4;ndlich ge&#xFC;bten Praxis von Minorit&#xE4;ten aller Art, aber auch zum Lernpensum der b&#xFC;rgerlichen Gesellschaft insgesamt. W&#xE4;hrend der Diktaturen des 20. Jahrhunderts entwickelte sie sich zur &#xDC;berlebenskunst.
Die symbolistisch-avantgardistische M&#xF6;glichkeit menschlicher Erfahrung ist auch den aphoristischen Ahnen von Benyo&#xEB;tz, zumal Kohelet und den Aphoristikern unter den Talmudisten nicht unbekannt gewesen:

&#x201E;Wenn ich nicht auf mich antworte, wer wird mir dann antworten? Aber wenn nur ich mir antworte &#x2013; bin ich dann noch ich?"
(Pirke Aboth / Spr&#xFC;che der V&#xE4;ter des Babylonischen Talmud 6a)

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Literatur
Boerner, Maria-Christina: Art. "Symbolismus", in: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Band 2. Hrsg. von Harald Fricke, gemeinsam mit Klaus Weimar, Klaus Grubm&#xFC;ller, Jan-Dirk M&#xFC;ller, Georg Braungart und Friedrich Vollhardt. de Gruyter: Berlin, S. 555-557
B&#xF6;schenstein, Bernhard: Hofmannsthal George und die franz&#xF6;sischen Symbolisten, in: Leuchtt&#xFC;rme: Von H&#xF6;lderlin zu Celan. Wirkung und Vergleich. Studien. Frankfurt am Main : Insel 1977, S. 224-246
B&#xF6;schenstein, Bernhard: Feierlich, getragen, autorit&#xE4;r. Das Ich als klangliches Universum: Hofmannsthals Stimme, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 24.05.06
Gumbrecht, Hans Ulrich: Faszinationstyp Hagiographie. Ein historisches Experiment zur Gattungstheorie. In: Christoph Cormeau (Hg.): Deutsche Literatur im Mittelalter. Kontexte und Perspektiven. Stuttgart: Metzler 1979, 37-84.
Helmich, Werner: Der moderne franz&#xF6;sische Aphorismus. Innovation und Gattungsreflexion. T&#xFC;bingen : Niemeyer 1991
Helmich, Werner: Erbauung ohne Trivialit&#xE4;t, in: Keine Worte zu verlieren. Elazar Benyo&#xEB;tz zum 70. Geburtstag. Ulm : Herrlinger Drucke 2007, S. 38-42
Schulz-Buschhaus, Ulrich: <a href="http://wunderblock.kaywa.ch/mobile/exturl/http/gams.uni-graz.at:8080/fedora/get/o:usb-06B-306/bdef:TEI/get/">Die Geburt einer Avantgarde aus der Apotheose des Kriegs</a>. Zu Marinettis Poetik der "parole in libert&#xE0;" (mit einer Anmerkung zu Hugo von Hofmannsthal), in: &#xD6;sterreich und der Gro&#xDF;e Krieg 1914, hg. v. K. Amann u. H. Lengauer. Wien: Brandst&#xE4;tter 1989, S. 60-66
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Segre, Dan Vittorio: J&#xFC;dische Pr&#xE4;senz in Italiens Geschichte, in: Zibaldone. Zeitschrift f&#xFC;r italienische Kultur der Gegenwart, hrsg. von Helene Harth und Titus Heydenreich, No. 22, September 1996. Schwerpunkt: J&#xFC;disches Leben. Hamburg : Rotbuch Verlag 2002, S. 35-44
Spicker, Friedemann: Der deutsche Aphorismus im 20. Jahrhundert. T&#xFC;bingen : Niemeyer 2004
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Szondi, Peter: Intention und Gehalt. Hofmannsthal ad se ipsum, in: Schriften II, S. 266-272
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Val&#xE9;ry, Paul: &#x152;uvres I-II, &#xE9;d. Jean Hytier. Paris : Gallimard (Biblioth&#xE8;que de la Pleiade)1962
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Wellek, Ren&#xE9;e: The Term and Concept of Symbolism in Literary History, in: New Literary History, Vol. 1, No. 2, A Symposium on Periods. Heidelberg: Winter, 1970, pp. 249-270, p. 249&#xA0;</p><p><small><a href="http://wunderblock.kaywa.ch/mobile/aphorismus/kompensation-des-aesthetischen.html">Kommentare</a>&#xA0;(0)
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