Konzeptkünstlerin Swetlana Gerner hat eine neue Serie beendet: MISSION INTEGRATION heißt sie. Gezeigt wird sie erstmals auf einer Vernissage in der Galerie am Güterbahnhof in Mainz, Mombacher Straße 2 am 12. November um 19 Uhr. Die offizielle Ankündigung findet sich hier online.

Sie zeigt uns atemberaubende Farb-Welten und Gestalten, die im Begriff sind, sich aufzulösen und sich zu zufälligen, rätselhaften Konstellationen wieder zu ordnen. 

 

Die Künstlerin setzt ganz auf Farbe und Form, auf Ähnlichkeiten und Verwandlungen von Vorhandenem. Integriert wird auch Erkennbares: Immer wieder tauchen weibliche Akte und männliche Figuren, die aus der griechischen Mythologie oder aus einem Star-Track-Film stammen könnten. In manchen Bildern sind diese Figuren mehrfach zu sehen, jedes Mal in anderer Farbe und Lage. Zitierend werden auch Schulen der Avantgarden wie Impressionismus, abstrakter Expressionismus oder Konzeptkunst aufgerufen.
 
 
Diese Elemente erscheinen als Schichten einer tiefgestalten und stets intensiv gespannten Wahrnehmungsfähigkeit der Künstlerin in einem Zeitalter, das schon lange zur Reproduktion und Austauschbarkeit von Wahrnehmung tendiert. Swetlana Gerner läßt sich die dabei nicht auf einen Stil festlegen, weil dies ihre gestalterischen Möglichkeiten einschränken würde. Schließlich entstehen alle Strömungen der Avantgarden ja auch aus diesem Impuls: der Emanzipation der reinen Mittel von Farbe und Gestalt, Form und Funktion.
 
 
 
Sicher könnte man bei einigen Zyklen an Gletschermenschen denken oder an digitale Röntgenaufnahmen, mit denen Organe des menschlichen Körpers visualisiert werden. Dieser Eindruck von Kälte ist aber nicht Abbild oder bloßer Ausdruck einer Haltung, sondern ein Gestaltungselement, das hier erscheint. Daneben steht auch der hitzige Kampf der Farben. Auch die Verwandlungen von Figuren als Möglichkeiten von Form- und Farbstrukturierung werden vorgeführt. All das zielt bei Swetlana Gerner gewiss auf die menschlichen Möglichkeiten der Selbst- und Fremdwahrnehmung.
 
Ihre neue Serie ist den Übergängen, den Metamorphosen, gewidmet, ein spezifisch künstlerisches und als solches ein uraltes Thema: aus konventionell befestigten Kollektiven in individualisierte Verhältnisse; von Sesshaftigkeit in Mobilität, von regionalen in globale Verhältnisse. Die Auslegung dieser Verwandlung in eine linear evolutionäre Vollzugsform ist aber bereits ein Zugeständnis an unser Vorstellungsvermögen, das sich doch an Swetlana Gerners Bilder erweitern könnte. Denn die Verwandlung von Gewohntem hat bei ihr eine unverwechselbare ästhetische Gestalt. Verwandlung und Ähnlichkeit sind in erster Linie ästhetische (wenn nicht religiöse) Kategorien, auch wenn sie sich natürlich an politischen Themen abbilden können.
 
feinstaub
 
Wenn ich mich nicht irre, gibt es in ihren Werken häufig ein sehr produktives Spannungsfeld zwischen einer ästhetischen Ekstase und einer sicher auch politischen Moral. Diese Spannung gehört zwar auch im 21. Jahrhundert zur conditio humana, nur wagt es heute kaum einer mehr,  sie zu objektivieren. Im Zyklus "Feinstaub" finden sich auch Fahnen nach Art der Feldherren, die eroberte Gebiete abstecken. Und einige Titel der Zyklen sind nach bekannten Parolen der politischen Geschichte benannt: „teile und herrsche“, „vereint euch und kämpft.“ Die Menschen sind in solchen Parolen alles andere als Subjekte der Geschichte. Bei Swetlana Gerner könnten sie es sein: Gemeint ist hier ihre Arbeit mit der Farbe und Form und die Wirkung auf den Betrachter, der Teil eines Prozesses wird. Und dieser Prozess wird immer eine Suchbewegung sein.
 
Die darauf gerichtete Aufmerksamkeit, die ich empfehlen möchte, nennt der französische Schriftsteller Paul Valéry die „Gabe der seltsamen Sicht“. Diese Formulierung zeigt eine moderne Wahrnehmungsweise an, die sich auf den Prozess der Identifizierung eines Objekts durch ein Subjekts nicht mehr verlassen kann: „dieser schwer definierbare Blick“, schreibt Valéry in Form eines Tagtraums, ist „jedenfalls ein Lossageblick – ein Trennungsblick“. Er entsteht „aus einem Gefühl für das Mögliche.“ Freuen wir uns, dass Swetlana Gerner dieses Gefühl hat und uns vermitteln kann.